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Entführung für Anfänger

(15.1.16) Im S1-Labor müssen die Türen stets geschlossen bleiben. Dumm, wenn Handwerker kommen und die Labortür kurzerhand entführen. Womöglich in krimineller Absicht? Ein Abenteuer unserer (anderen) TA.
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An Männer von der Haustechnik, die überraschend aufkreuzen und Teile unseres Inventars mitnehmen, habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Daher blieb ich recht entspannt, als eines Vormittags zwei Techniker kamen und verkündeten, sie müssten unsere Labortür mitnehmen.

„Entführen“, war der genaue Wortlaut. Verdutzt erkundigte ich mich nach dem Grund. Antwort: „Die Unterkante  ist zu hoch, da muss was drunter!“

Da den beiden die Sache offenkundig sehr wichtig war, ließ ich sie mit dem auserkorenen Opfer ziehen. So eine Türentführung erlebt man ja auch nicht alle Tage. Das bringt Spannung und Abwechslung in den Arbeitsalltag.

Sicher bekommen wir in den nächsten Tagen einen Brief mit der Lösegeldforderung. Ohne Absender und aus Zeitungsbuchstaben zusammengeklebt:

Wir haben Ihre Tür! Wenn Sie sie unversehrt zurück haben wollen, erfüllen Sie unsere Forderungen. Keine Polizei, sonst schrauben wir ihr die Klinke ab. Übergabemodalitäten folgen!

Sie hatten ihr Opfer geschickt gewählt. Das musste ich zugeben. Wir sind ein S1 Labor, da braucht man eine Tür. Gut, die können auch in anderen Gebäuden ganz nützlich sein. In unserem Fall sind sie allerdings gesetzlich vorgeschrieben. Ohne Tür müssten wir unseren Laden dichtmachen. Wie auch immer wir das ohne Tür machen sollten.

Wie viel Lösegeld kann unsere Arbeitsgruppe wohl locker machen? Manche Versicherungen bieten Entführungspolicen an, die im Bedarfsfall die aus der Entführung erstandenen Kosten, also auch das Lösegeld, erstatten. Leider haben wir es versäumt, solch eine Versicherung für unsere Tür abzuschließen. Müssen wir also mit dem Klingelbeutel rumgehen? Oder gibt es einen extra Fördertopf für derartige Fälle?

Seltsam ist auch, dass die Beiden die Tür ohne Strumpfmasken oder ähnliche Vermummung gekidnappt haben. Das verheißt nichts Gutes für das Überleben des Opfers. Und was ist überhaupt mit mir? Ich kann die Beiden ebenfalls identifizieren und bin dazu noch weitaus gesprächiger als die Tür. Trotzdem verzichte ich vorerst darauf, die Polizei zu rufen. Schließlich brauchen wir die Türklinke. Lieber weiter arbeiten.

Die Geiselnahme war nur von kurzer Dauer – lange genug jedoch, um uns einen Einblick in das Paradies eines türlosen Laborlebens zu verschaffen. Es war wirklich sehr bequem, niemand vermisste das Opfer so recht. Ich fühlte mich ein bisschen als Türverräterin.

Die Angelegenheit endete recht unspektakulär. Ohne dramatische Geldübergabe oder Schiesserei. Eine knappe halbe Stunde später kamen die Techniker zurück – mit der Tür. „Schon fertig“, verkündeten sie strahlend, hängten die Tür zurück an ihren Platz, verabschiedeten sich und zogen von dannen. Ich besah mir das Opfer. Sonderlich traumatisiert schien mir die Tür nicht zu sein. Die Klinke saß unversehrt an ihrem Platz, und unter der Unterkante prangte eine passgenau montierte zusätzliche Holzleiste. Vom Handwerken verstehen die Beiden was. Das Entführen müssen sie allerdings noch ein bisschen üben.

 

Maike Ruprecht
Illustration(Hintergrund): (c)  vvvisual / fotolia



Letzte Änderungen: 28.04.2016

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