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Sozialministerin Klepsch: Der Homöopathie gehört die Zukunft

 (27.2.17) Die Methoden der Vergangenheit taugen nicht für ein modernes Gesundheitswesen, meint die sächsische Sozialministerin Barbara Klepsch(CDU). Warum die Medizin dann ausgerechnet auf die 200 Jahre alte Homöopathie setzen soll, bleibt ihr Geheimnis.
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© SMS Sachsen

Barbara Klepsch, sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz

Barbara Klepsch, sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, hat den Homöopathen ordentlich den Kopf gewaschen: „Die Zukunft des Gesundheitswesens darf nicht mit den Methoden der Vergangenheit bewältigt werden", schreibt sie in ihrem Grußwort zum homöopathischen Weltärztekongress 2017 in Leipzig. Klare Worte, denn in der Tat ist die Homöopathie ein 200 Jahre altes Relikt, das schon längst keinen Platz mehr im Gesundheitssystem haben sollte.

Nur: Der vermeintlich Homöopathie-kritische Satz von den „Methoden der Vergangenheit“ passt so gar nicht zum Rest des Grußworts der Ministerin. Und tatsächlich war er ganz anders gemeint. Auf Nachfrage stellt Klepschs Pressereferentin klar, der Satz sei eine Bekräftigung für die vorherigen Aussagen,

„dass die Homöopathie Bestandteil der medizinischen Versorgung ist, dass also die Schulmedizin ohne alternative Ansätze nicht mehr vorstellbar ist.“

In dieser Deutlichkeit hat man selten ein politisches Bekenntnis zur Pseudowissenschaft gehört. Meist winden sich Gesundheitspolitiker beim Thema Homöopathie bis zur Selbstverleugnung, schön zu studieren am Grußwort der Staatssekretärin und Kongress-Schirmherrin Widmann-Mauz an die nach Leipzig geladenen Hahnemann-Jünger (siehe auch unseren vorigen Beitrag an dieser Stelle). Wolkige Verweise auf „Patientenwohl und Patientensicherheit“, dazu der Hinweis auf die Beliebtheit der Homöopathie, vernebeln leicht den Blick darauf, dass die Globuli-Industrie viele Unterstützer in der Gesundheitspolitik hat. Insofern kann man Barbara Klepsch dankbar sein für ihr unzweideutiges Bekenntnis zur Globulisierung des deutschen Gesundheitswesens.

Die Zukunft gehört der evidenzbasierten Medizin

In Wirklichkeit ist die Zukunft des Gesundheitswesens nicht vorstellbar ohne evidenzbasierte Medizin. Therapien und andere Maßnahmen, die Ärzte verordnen und Krankenkassen bezahlen, müssen den Nachweis erbringen, dass sie wirksam sind, dass ihre Chancen die Risiken überwiegen. Gelingt das auf Dauer nicht, so haben solche Methoden nichts in einem Gesundheitssystem verloren, dass die Allgemeinheit finanziert.

Dieses Prinzip gilt nicht nur für die Homöopathie. Auch andere, oft wenig umstrittene Therapien, die Ärzte regelmäßig verordnen, sind den Beleg für ihre Wirksamkeit bisher schuldig geblieben. Der Unterschied zu vielen anderen Verfahren ist aber, dass das Totalversagen der Hahnemannschen Arzneilehre und die Unwirksamkeit der Globuli  längst auf der Hand liegen und eine spezifische Wirksamkeit aus naturwissenschaftlicher Sicht so gut wie ausgeschlossen ist.

Sicher, auch Homöopathen bewirken Effekte, die heilsam und nützlich sind. Zuwendung, Zeit für Gespräche, ausführliche Beschäftigung mit der Lebenssituation der Patienten kommen in der Medizin tatsächlich oft zu kurz (siehe auch z.B. Laborjournal-Gespräch mit Natalie Grams und Spiegel-Online-Beitrag von Julia Merlot). Nur haben diese positiven Aspekte der homöopathischen Praxis nichts mit der irrigen Lehre von extrem verdünnten Wässerchen zu tun, und nichts mit dem unwissenschaftlichen Simileprinzip, demzufolge z. B. verriebene und extrem verdünnte Wespenbestandteile bei Insektenstichen lindernd wirken sollen (Preisfrage: Woher weiß das Wasser, welche Bestandteile der Wespe beim Verdünnen und Schütteln „potenziert“ werden sollen und welche nicht?).

Sprechende Medizin statt Homöopathie

Auch nicht homöopathisch arbeitende Ärzte wissen, dass mehr Zuwendung, mehr Gespräch der Heilung ihrer Patienten förderlich wäre. Hausärzte und erst recht Klinikärzte können es sich nur allzu oft gar nicht leisten, in dieser Hinsicht nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Es sei denn, sie fahren eben doch die Homöopathie-Schiene, dann können sie eine einstündige Erstanamnese berechnen.

Wenn sich Politiker über die Zukunft des Gesundheitswesens Gedanken machen und dabei innovative Wege gehen wollen, sollten sie bei der sprechenden Medizin ansetzen, nicht bei pseudowissenschaftlichem Hokuspokus.

Denn ungefährlich ist die Globulisierungswelle nicht, wie gerade ein Fall aus den USA zeigt: Die Ermittlungen laufen noch, aber offenbar sind bei der Herstellung von homöopathischen Belladonna-Präparaten Fehler gemacht worden, möglicherweise sind mehrere Kinder deshalb gestorben.

Garantiert wirkungslose Globuli

Es ist richtig, dass ein derartiger Unfall in Deutschland unwahrscheinlich ist, da solche Präparate bei uns genauer kontrolliert werden als in den USA. Die in jeder Hinsicht absolute Wirkungslosigkeit homöopathischer Mittel wird von deutschen Behörden garantiert.

Gesundheitspolitiker sollten aber ehrlich sagen, dass es risikofreie Medizin auch in Zukunft nicht geben wird. Keine „alternative“ Form der Medizin wird immer nur helfen und nie schaden. Patienten und Beitragszahler dürfen aber hoffen und erwarten, dass Ärzte in Zukunft die individuellen Chancen und Risiken einer Behandlungsoption noch besser als heute abschätzen können.

Und Risiken sind eben auch mit der Globuli-Einnahme verbunden, auch in Deutschland – zum Beispiel dadurch, dass Patienten ausschließlich auf Globuli vertrauen könnten, wenn wirksame Medizin dringend angezeigt wäre. Chancen für den Patienten bietet die Herstellung wirkstofffreier Streukugeln dagegen keine. Bei der Abwägung von Chancen und Risiken verlieren Globuli aller Art immer und von vorneherein (Placebo-und Kontexteffekte zählen bei dieser Abwägung nicht. Placebo-Effekte könnten Ärzte auch erzielen, ohne dass in Globulifabriken ein magisches Ritual im industriellen Maßstab vollzogen wird).

Leider scheint es Barbara Klepsch, Annette Widmann-Mauz und anderen Fachpolitikern schwer zu fallen, unter dem Dauerfeuer der Lobbyisten den Durchblick auf die Fakten zu behalten. Eine andere, noch weniger schmeichelhafte Interpretation wäre, dass vielen Gesundheitspolitikern die Expertise der Wissenschaftler schlicht egal ist, solange sich diese Haltung nicht negativ auf Umfragewerte und Wahlergebnis auswirkt.

Hans Zauner



Letzte Änderungen: 22.03.2017

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