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Vor den Quartalszahlen: Medigene verwirrt die Aktionäre

(11.5.17) Ratlosigkeit an der Biotechbörse: Warum schickt die Martinsrieder Medigene AG mit einer kurzfristig verkündeten Kapitalerhöhung den Aktienkurs in den Keller?
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© Medigene

Das Medigene-Führungsteam: Schendel, Lemus, Taapken.

Knapper geht’s kaum: Nur vier Arbeitstage vor der heutigen Bekanntgabe der Quartalszahlen gab die Medigene AG bekannt, sie würde sich im Schnellverfahren frisches Kapital besorgen. Über eine „Privatplatzierung an institutionelle Anleger via beschleunigtes Platzierungsverfahren“ (auf Börsen-Denglisch „Accelerated Bookbuilding“ genannt) wolle man knapp zwei Millionen neue Aktien ausgeben – und sich auf diese Weise gut 20 Millionen Euro beschaffen.

Die Hauruck-Aktion (zumindest nach außen hin wurde sie vielfach als solche interpretiert) klappte, immerhin: Institutionelle Investoren kauften alle neuen Aktien zum Preis von 10,55 Euro je Aktie, teilte die Firma mit. Der Bruttoemissionserlös betrage somit 20,7 Millionen Euro. Wieviel davon netto, nach Abzug der Kosten, bei Medigene hängen bleibt, darf man spekulieren.

Finanzvorstand Thomas Taapken, bis vor kurzem bei der Berliner Epigenomics AG als CEO im Diagnostikbusiness tätig, ließ ausrichten, er freue sich über die „signifikant überzeichnete Privatplatzierung“, bei der man „neben bestehenden institutionellen Investoren auch neue, auf Healthcare spezialisierte Anleger“ habe gewinnen können. Die erfolgreiche Transaktion unterstreiche Medigenes Fortschritt und Perspektiven – naja, und so weiter, was einem eben die PR-Abteilung so ins Manuskript diktiert.

Bitter & Sweet: Warum die Millionen nicht jeden erfreuen

Bei den bisherigen Aktionären zumindest hätte sich Taapken besser entschuldigen sollen. Denn deren Papiere verloren durch die Kapitalbeschaffungsmaßnahme – erwartbar – deutlich an Wert. Im aktuellen Fall steigt die Zahl der Aktien von rund 20 auf 22 Millionen Stück. Und wenn der Firmenanteils-Kuchen – schwuppdiwupp! – plötzlich auf mehr Personen verteilt werden muss, dann reduziert sich natürlich die Größe der Kuchenstücke: Der Wert der bisherigen Aktien sinkt – er wird „verwässert“.

Genauso war es auch: der Kurs ging am 5. Mai, dem Tag der Verkündigung der Kapitalerhöhung, prompt in den Keller. Seltsamerweise auch schon die Tage vorher, trotz blendendem Börsenumfeld. Hat da ein Vöglein mal wieder vorzeitig was gezwitschert, was es eigentlich noch gar nicht zwitschern durfte?

Nun denn – immerhin steigt der Kurs seitdem wieder. Dennoch ist er vom Zweijahreshoch in der ersten Januarwoche 2017, bei damals knapp 15 Euro, noch meilenweit entfernt. Derzeit (Schlusskurs vom 10.5.17) steht die Medigene-Aktie bei 11,20 Euro. Da ginge noch gehörig was. Denn wohin man auch blickt – überall steigen die Börsenkurse seit Monaten und Jahren, ob in Frankfurt, London und Brüssel, egal ob DAX oder Eurostoxx, Siemens oder Bayer – nur eben nicht bei Medigene: hier fallen sie, seit Jahresbeginn und zwar stetig.

Die famosen T-Zellrezeptoren

Doch wozu braucht Medigene überhaupt soviel Geld – 20 Millionen Euro, immerhin knapp zehn Prozent des Grundkapitals? Der Reinerlös soll der Forschung und Entwicklung von Medigenes T-Zellrezeptoren (kurz: TCR) zugute kommen; die Firma hofft, dass das nun finanziell angeschobene klinische Programm schneller Fortschritte vorweisen kann als bislang prognostiziert. Der seltsam ungewöhnliche Zeitpunkt der Veröffentlichung, nur wenige Tage vor der Vorstellung der Vierteljahreszahlen, gibt zu denken: Hat Medigene ernstere Finanzierungsprobleme als bislang behauptet? Oder ist das Timing nur schlicht unglücklich gewählt?

Das könnten wir am heutigen 11. Mai erfahren, an dem der oberbayerische Krebstherapie-Entwickler seine Quartalszahlen vorstellt und die bisherige und künftige Entwicklung des Unternehmens präsentiert und prognostiziert.

Gewinn - das wäre mal was

Gegründet 1994, ist die Medigene AG eine der ältesten deutschen Biotechfirmen – und eine der am wenigsten erfolgreichen, angesichts der Tatsache, dass man in Martinsried seit nunmehr 23 Jahren alle drei Monate wieder tiefrote Zahlen schreibt. Medigene hat nach fast einem Vierteljahrhundert noch immer keinen Cent Gewinn gemacht – mit einer einzigen, kurzzeitigen Ausnahme im Jahr 2011, als die Firma mal ganz kurzmit schwarzen Zahlen überraschte - und anschließend gleich wieder ins Negative abdriftete. Es ist allerhöchste Zeit, dass die nach vielfachen Strategieänderungen nunmehr angepeilten „personalisierten, T-Zell-gerichteten Immuntherapien“ möglichst bald fruchten und somit Krebspatienten das Leben erleichtern. Die Aktionäre würde das, mal abgesehen von den in diesem Fall vermutlich steigenden Kursen, sicherlich ebenfalls wahnsinnig freuen.

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 22.05.2017

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