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Labvolution/Biotechnica: Neustart mit Rauch aus der Nase

(18.5.17) Heute abend geht sie zu Ende: die dreitägige Labvolution-Fachmesse, Naturwissenschaftlern bislang eher unter dem Namen „Biotechnica“ geläufig. Doch nicht nur der Name hat sich geändert.
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© W. Köppelle

Start zur neuen "Labvolution"-Messe

Schon bei der 18-minütigen Fahrt vom Hannoveraner Hauptbahnhof zum Messegelände kam so mancher schwer ins Grübeln: Wie heißt sie denn nun, die neue Messe, und ferner: Wo fahre ich, verdammt noch mal, eigentlich gerade hin?! Angekündigt und beworben wurde das Event seit Monaten als „Labvolution“, doch die Benutzer des öffentlichen Nahverkehrs der Landeshauptstadt mussten immer wieder Schildern folgen, die zu einer Messe namens „Biotechnica“ wiesen. Und wer vorab bei Google den Namen „Labvolution“ eingab, dem sprang auf der rechten Bildschirmseite ganz groß der Name „Biotechnica“ entgegen. Bis heute ist das so. Gleich daneben ist bei Google-Maps seltsamerweise Halle 2 des Messegeländes markiert.

Seltsam deswegen, weil die seit 1985 in Hannover stattfindende Biotechnica-Fachmesse (in diesem Jahr als "Labvolution" fortgeführt) nie in Halle 2 stattfand. Sie wurde bis einschließlich 2015 in Halle 9 abgehalten, am genau anderen Ende des mehrere Kilometer durchmessenden Geländes der Deutschen Messe AG. Der eine oder andere mag sich noch erinnern: Halle 9 liegt am sogenannten „Platz der Nationen“, zu Fuße einer extensiven Treppe, über die es zur Autobahnüberführung und zum Radisson-Blu-Hotel geht. Wer sich also auf Google verließ oder verlässt, der war und ist verlassen – und steht im Autobahnlärm mutterseelenallein vor verschlossenen Messetoren.

Doch dies dürfte den wenigsten so passiert sein, immerhin ist der übliche, korrekte Anfahrtsplan zur Labvolution auf der Veranstalter-Website abzurufen, und selbst der traditionell eher orientierungslose Laborjournal-Reporter fand am Dienstag – dem ersten Messetag – problemlos, wenn auch auf eigene Kosten (die ÖPNV-Fahrt von und zum Bahnhof ist leider nicht im Tagesticketpreis von 32 Euro und auch nicht im Presseticket enthalten) zuverlässig zum Ort des Geschehens: Eingang Nord 1, am Endpunkt der Stadtbahnlinie 8, im vor zwei Jahren neu errichteten Hallenkomplex 19/20.

Seit diesem Jahr in Halle 19/20, am Nordeingang

Diesen Hallenneubau hat sich die Deutsche Messe AG stattliche 55 Millionen Euro kosten lassen, und daher sei an dieser Stelle angemerkt: Da wäre noch was gegangen. Zum Beispiel kostenlose Pfand-Schließfächer zum Verstauen der Siebensachen, die man nicht dauernd in der Halle mitschleppen möchte. In München, bei der konkurrierenden Analytica-Messe (findet wieder im April 2018 statt), ist derlei Standard – in Hannover hingegen muss man zusätzlich zum Eintrittsgeld weitere 3 Euro für die Gardarobenaufbewahrung löhnen. Treibt einen jetzt nicht in den Ruin, ist aber dennoch ärgerlich – gerade für die finanziell weniger starke Gruppe der Besucher: die Studenten, Doktoranden, TAs und Arbeitssuchenden.

Auch das Kuschelgefühl in der Halle selbst ließ arg zu wünschen übrig. Da marschierten die Besucher durchwegs auf dunkelgrauem, hartem Industriebeton umher, und wenn sie nicht permanent Acht gaben, dann traten sie dann und wann auf eine mittseitig am Boden verlaufende Stahlabdeckung (deren Sinn und Zweck war nicht herauszubekommen; ist's womöglich ein Kabelschacht?) – und kamen gefährlich ins Straucheln. Der Laborjournal-Reporter (und auch passionierte Breisgau-Touristen) kennen derartige Stahl-Abdeckungen von den Freiburger Altstadt-„Bächle“ – er blieb daher eisern auf der richtigen Spur. Wem es jetzt kleinlich vorkommt, wenn der im Fabrik-Style daherkommende Hallenboden kritisiert wird: Gefühlt fünf- oder sechsmal wurde der Reporter von diversen Ausstellern auf den fehlenden Kuschelteppich in den Gängen hin angesprochen, den die Besucher der Biotechnica bislang gewohnt waren.

Ach ja, wie war er denn, der Aussteller-Zuspruch?

Es dürften wohl deutlich unter 400 Ausstellern vertreten gewesen sein (auf der Excel-Liste des Veranstalters finden sich 346 Firmennamen). Beeindruckend großflächig präsentierte sich dabei zum Beispiel der Hamburger Laborzulieferer Eppendorf (mit Science-Slam-Wettbewerb am Mittwoch nachmittag); dessen Kommunikations-Chef Ralf Claußen verspürte gar "wieder echten Spirit" und glaubt, dass die Labvolution das Zeug dazu habe, "der Branchentreffpunkt für die Laborwelt im Norden zu werden".

Auch die Firmen Ewald (umweltfreundliche Laborgeräte) und Elga (Laborwasser-Anlagen) gehörten zu den Ausstellern, die in Halle19/20 nicht an Quadratmetern gespart hatten. Mehrere Ansammlungen asiatischer Mini-Stände (bevölkert von diversen Biotechfirmen und Geräteproduzenten aus Hongkong, China und Korea) waren vertreten. Deren Standpersonal jedoch war meist pausenlos mit abgewandtem Gesicht am Smartphone-Wischen - und bemerkte demzufolge oft gar nicht, wenn sich jemand für die offerierten Antikörper, Kosmetika oder Laborgeräte interessierte. Absicht, Desinteresse, oder Unkenntnis der europäischen Gebräuche? Angesichts der durch die Messegesellschaft abverlangten Quadratmeter-Preise war's jedenfalls nicht so recht zu verstehen, dass Firmen wie "Guangzhou" oder "Shengjie Cryogenic" extra nach Europa reisen und dann offenbar gar keine Geschäfte machen wollten. Naja, vielleicht sahen es die Betreffenden ja als staatlich/ministeriell geförderten Luxusurlaub...

Ganz anders war dies an den ebenfalls Steuergeld-geförderten Förder-Cluster-Biotech-Inkubator-Techtransfer-Ständen diverser inländischer Hochschulen wie der MH Hannover, den TUs aus Braunschweig und Wien/Österreich sowie dem der Uni Ulm. Da wurde man mit großem Hallo empfangen und umgehend in die neueste akademische Forschung mit gefühltem Start-up-Potenzial eingeführt. Zum Beispiel präsentierten Hedda Sander und ihre Kollegen von der "Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften" ihr Konzept, Blaualgenblüten in Binnengewässern via Smartphone vorherzusagen – erarbeitet in Zusammenarbeit mit der Partnerhochschule in Wisconsin, USA. Tja, offenbar geht es heutzutage partout nicht mehr ohne dieses suchterzeugende Elektronikwischdings, nicht mal im Gewässerschutz.

Es waren allerdings merklich weniger derartige Förderinitiativen vertreten als früher. Dafür kamen aus Malaysia Mitarbeiter der Technischen Universität Petronas (UTP) nach Niedersachsen, und fast genausoweit, nämlich aus dem Allgäu, genauer: Wangen, reisten Vertreter des Immunoassay- und ELISA-Anbieters Candor Bioscience an.

Sind smarte Labore wirklich smart?

Im Zentrum der Messeschau befand sich auf Planquadrat C51 das "SmartLab" – eine ausgedehnte "Sonderschau zum Labor der Zukunft", welche den Besuchern "die Vorteile einer flexiblen, digitalen Vernetzung" und "den Einsatz von Automation, integrierte funktionale Oberflächen und die Effekte eines modularen Konzeptes" darstellen sollte. Smart beschrieben von den Veranstaltern, doch vertragen die digitalen Laboroptimierer auch Kritik? Prompt geriet der Laborjournal-Reporter nämlich zum Thema "Automatisierung" gleich in eine angeregte Diskussion mit zwei Robotik-Experten, der eine davon ein bodenständig-braver Firmengründer und Roboterbauer, der andere ein selbsternannter Berater in Sachen Automatisierung. Die beiden waren – durchaus erwartbar – der felsenfesten Ansicht, dass Automatisierung nur (nur!) Vorteile bringe, selbst für die (noch) Angestellten in den automatisierwütigen Firmen und Universitäten, und dass kein einziger ihrer Arbeitsplätze dadurch bedroht sei (Tenor: "Die unangenehmen Jobs erledigt künftig der Roboter, und die angenehmeren die Menschen. Höchstens ein bisschen verlagern werden sich manche Jobs – aber keineswegs wegfallen.").

Widerspruch des Reporters angesichts dieser doch etwas einseitigen Sichtweise wurde mal mit "Typisch - Journalisten haben eben keine Ahnung!" (mag sein) weggewischt, mal mit "Was wollen Sie denn? Sie können's doch eh nicht aufhalten!" totgeschlagen (ohne dass der Reporter angedeutet hatte, er wolle auf diese wohl nur schwer zu stoppende Entwicklung aktiv Einfluss nehmen). Die immer wieder am Roboter-Stand vorbeikommenden Besucher jedenfalls waren keineswegs so optimistisch gesinnt angesichts des im Demo-Modus fleißig und potenziell rund um die Uhr pipettierenden Stahl-Kollegen, und immer wieder war von einer skeptischen TA im Flüsterton zu hören: "Da, schau, der Stahlkamerad nimmt uns künftig den Job weg!"

Weniger frustrierend ging's da bei der Innome GmbH aus Espelkamp zu. Die residiert, wie anhand des Ortsnamens unschwer zu erraten ist, nicht etwa in Ostbayern oder Südtirol, sondern vielmehr im Lübbecker Land unweit von Bielefeld, und produziert nützliche Gadgets, vor denen man als Arbeitnehmer nun wirklich keine Angst haben muss. Auf der Labvolution stellten die Ostwestfalen ihr enorm smartes pH-Meter namens "Scitis" vor: einen USB-Stick-großen Aparillo, der mit gedruckten Einweg-Sonden den pH-Wert und die Temperatur fast jeder beliebigen Lösung misst und die Daten in nahezu beliebiger Messpunktdichte drahtlos und hübsch grafisch aufbereitet dank maßgeschneiderter App aufs smarte Phone oder via Bluetooth in die Daten-Cloud überträgt. Das funktioniert laut Innome sogar im Schüttelinkubator. Und geht nach zwei Wochen Dauermessung der Akku zur Neige, lädt man ihn einfach per USB-Schnittstelle wieder auf. Was kostet der Spaß? Laut Innome "samt eines Satzes an Einweg-Elektroden unter hundert Euro".

Aber was ist denn nun endlich mit dem in der Überschrift versprochenen Rauch aus der Nase?! Gemach, gemach, wir arbeiten dran - bitte noch etwas Geduld!

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 22.05.2017

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