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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

(29.5.17) Beim weltweiten „March for Science“ demonstrierten am 22. April auch an 22 deutschen Orten 37.000 Bürger für die Wissenschaft. Im Interview fragen wir jetzt: Was hat der Marsch bewirkt, und wie geht’s weiter?
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Laborjournal: Frau Baudson, Sie sind Mitinitiatorin der deutschen Version des „March for Science“. Wie ist es aus Ihrer Sicht gelaufen? 

Tanja Gabriele Baudson: Im Fußball gibt es ja den Spruch: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“. Zunächst war jedoch großartig, was die 22 lokalen Marches auf die Beine gestellt haben. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir einen so großen Rückhalt in der Öffentlichkeit bekommen.

Wissenschaftler haben in der Regel nicht unbedingt Erfahrung mit Demo-Organisation – und der Science March war ja eine Bewegung, die sich ganz neu zusammengefunden hatte. Konnten sie auf Leute zurückgreifen, die schon einmal etwas Ähnliches auf die Beine gestellt hatten?

Baudson: Das war an den verschiedenen Orten sehr unterschiedlich. Teilweise hatten wir organisatorischen Rückhalt – wenn wir eben das Glück hatten, dass Leute vor Ort waren, die wussten, wie man Demos organisiert, welche Behördenwege man gehen muss, und so weiter. Aber im Grunde war das keine generalstabsmäßig durchgeplante Veranstaltung, sondern für die lokalen Teams viel „Learning by Doing“.

Mich hat erstaunt, dass es geklappt hat, den Science March an vielen Orten parallel aufzuziehen. Auch die Veranstaltungen in kleineren Orten wie Freiburg und Heidelberg waren ja offenbar durchweg gut besucht?

Baudson: Auf jeden Fall, wir hatten vierstellige Teilnehmerzahlen! Es war uns von Anfang an wichtig, den Science March nicht nur mit einer Zentralveranstaltung aufzuziehen. Wir wollten an vielen Orten präsent sein, und wenn Leute lokal etwas auf die Beine stellen wollten, haben wir versucht, sie darin zu unterstützen. Auch in den USA gab es ja nicht nur den einen Marsch in Washington. Dort war das natürlich eine andere Größenordnung, aber auch bei uns ist das Konzept aufgegangen. Der deutsche March for Sciencewar derjenige mit den meisten Teilveranstaltungen nach den USA. So haben viele Leute an ihrem Wohnort etwas von unseren Anliegen mitbekommen.

 
"Man muss sich schon überlgen,
ob die Wissenschaft nicht auch eine politische Verantwortung hat.

Gibt es schon Anzeichen, dass durch die Veranstaltungen etwas in Bewegung gekommen ist – über den Tag hinaus?

Baudson: Ich denke schon. Zumindest sind die Themen jetzt präsenter. Probleme, die wir schon seit längerer Zeit beobachtet haben, sind jetzt an eine breite Öffentlichkeit gedrungen – alleine dadurch, dass Wissenschaftler und andere, denen Wissenschaft am Herzen liegt, mal auf die Straße gegangen sind. Dass der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit Auftrieb bekommen hat und dass sich auch eine kritische – und selbstkritische – Reflexion der Rolle von Wissenschaftler/innen in der Gesellschaft abzeichnet, ist schon ein spezielles Verdienst des March for Science.

Nun gab es im Vorfeld auch diverse Diskussionen – unter kritikfreudigen Wissenschaftlern ist das wahrscheinlich auch unvermeidlich. Martin Ballaschk, ein Biologe und Blogger bei den SciLogs, äußerte zum Beispiel die Befürchtung, das Ganze laufe in die Richtung einer von oben verordneten Pflichtveranstaltung, nachdem auch große Wissenschaftsorganisationen wie Helmholtz- und Max-Planck-Gesellschaft zu aktiven Unterstützern wurden.

Baudson: Es gab natürlich kein Dekret an die Wissenschaftler, daran teilzunehmen, das war tatsächlich eine Grassroots-Bewegung. Hinter mancher Kritik stand auch der Vorwurf, dass sich die Wissenschaft nicht politisieren lassen sollte. Mit diesem Einwand tue ich mich schwer. Die Wissenschaft als Ganzes darf sich vielleicht nicht politisieren lassen. Das heißt aber doch keineswegs, dass der einzelne Wissenschaftler nicht politisch aktiv sein darf! Insbesondere dann, wenn sich die Politik in die Wissenschaft einmischt, wie wir das in verschiedenen Ländern beobachten. Abgesehen davon hat die Wissenschaft nun mal große Implikationen für die Politik und die Gesellschaft. Man muss sich schon überlegen, ob daraus nicht auch eine Verantwortung erwächst.

Wobei die Wissenschaftler eine etwas komplizierte Botschaft transportieren müssen. Einerseits will man die Menschen überzeugen, die Erkenntnisse der Wissenschaft samt deren Bedeutung für politische Entscheidungen anzuerkennen. Andererseits liefert die Wissenschaft keine endgültigen Wahrheiten. Auch das muss man kommunizieren. Ein Balanceakt?

Baudson: Ja – da gab es auch bei uns einen gewissen Lernprozess, dass man insgesamt nicht zu sehr vereinfachen darf. Wir waren ganz am Anfang mit dem Begriff „Fakten“ etwas großzügig, was zu Recht kritisiert wurde und wo wir dann auch sehr früh differenziert haben. Dadurch wurde uns aber eines klar: Dass es tatsächlich ganz zentral darauf ankommt, zu vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert. Dazu gehört auch, dass Wissenschaft nie abgeschlossen ist – und dass neue Erkenntnisse auf alten aufbauen und diese eventuell korrigieren. Ebenso dass auch diese neuen Erkenntnisse nie hundertprozentig sicher sind, sondern ihrerseits überprüft und gegebenenfalls revidiert werden müssen. Ich sehe hier jetzt auch tatsächlich eine der Hauptaufgaben, genau diesen Prozess, dieses eingebaute Korrektiv der wissenschaftlichen Methode, besser zu vermitteln. 


"Die Freiheit der Forschung ist zentrale Voraussetzung dafür,
damit die Wissenschaft überhaupt nach Wahrheit streben kann."

Nun kam die Science-March-Bewegung aus den USA. Dort kann man das Unbehagen der Wissenschaftler an ganz konkreten Themen festmachen, etwa der Leugnung des menschengemachten Klimawandels. In Deutschland dagegen ist die Ausgangslage eine etwas andere. Hier gibt es andere Themen, bei denen die Wissenschaft zu kurz kommt. Nehmen wir als Beispiel das Gesundheitswesen und die Unterstützung der unwissenschaftlichen Homöopathie auch von manchen Fachpolitikern. Oder – nur als ein weiteres Beispiel – die mächtige deutsche Autolobby, deren Wort im Zweifel wohl auch mehr zählt als die Expertise von Wissenschaftlern. Solche konkreten Themen blieben aber eher im Hintergrund. Ist der deutsche Science March nicht ein wenig zu abstrakt geblieben?

Baudson: Das war durchaus so gewollt. Unsere Kernbotschaft war, die Werte der Wissenschaft zu vermitteln – das Streben nach der Wahrheit. Wie werden Erkenntnisse gewonnen, wie kann man sie einordnen? Und wir wollten klarmachen, dass die Freiheit der Forschung eine zentrale Voraussetzung dafür ist, damit die Wissenschaft überhaupt nach Wahrheit streben kann. Das Problem ist also grundlegender. Und entsprechend war es unser Ziel, diese gemeinsame Basis für viele Herausforderungen zu identifizieren, vor denen wir aktuell stehen. Darunter lassen sich dann wiederum viele konkrete Fragen subsumieren.

Aber die Wissenschaft selbst legt auch nicht nur goldene Eier…

Baudson: Nicht replizierbare Befunde, Fälschungsskandale, was es sonst noch alles an Systemproblemen gibt – ja, auch das muss man benennen. Und dann natürlich auch etwas tun.

Nun hat der Science March sicherlich ein Signal gesetzt. Aber wie geht es jetzt weiter?

Baudson: Wir sammeln zur Zeit Feedback, welches im Nachgang des Science March die zentralen Themen sind. Da geht es zum einen um die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die wir ja gerade schon angesprochen haben. Wir müssen besser vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert. Damit einher geht die wissenschaftliche Bildung, damit die Menschen die Erkenntnisse aus der Forschung auch einordnen können. Worüber wir auch selbstkritisch nachdenken müssen: Die Glaubwürdigkeitsprobleme der Wissenschaft sind zum Teil systemisch bedingt. Denn wie kommt es zu den Problemen, die Sie oben angesprochen haben? Schauen Sie sich nur mal an, unter welchen prekären Bedingungen der wissenschaftliche Nachwuchs teilweise arbeitet. Wie ergebnisoffen und frei kann man forschen, wenn man „Negativbefunde“, wenn also etwas nicht funktioniert, kaum hochrangig publiziert bekommt – wenn man aber zugleich genau diese Publikationen für die eigene Weiterqualifikation braucht? Auch gibt es unter den derzeitigen Bedingungen zu wenig positive Anreize für Wissenschaftler, ihre knappe Zeit zu investieren, um mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. Diese Probleme werden teilweise ja schon erfolgreich angegangen – und wir wollen jetzt auch über den Science March hinaus dazu beitragen, dass dies weitergeht.

Interview: Hans Zauner



Letzte Änderungen: 26.06.2017

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