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Wie sicher ist Forschung?

(28.8.17) Während in den Medizin- und Lebenswissenschaften eine Publikation die nächste jagt, verlieren wenige Menschen einen Gedanken darüber, was wissenschaftliche Ergebnisse alles bewirken können. Denn Wissen ist Macht – und das nicht immer im positiven Sinne.
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2001 bricht in den USA Panik aus – denn neben den Anschlägen des 11. Septembers sterben fünf Personen durch den Versand von Briefen mit Milzbrandsporen. Die Angst vor Bioterrorismus steigt.

Im Zuge der terroristischen Entwicklung der vergangenen Jahre ist die Besorgnis wieder allgegenwärtig. Die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz veröffentlichte dieses Jahr eine Broschüre um auf das Missbrauchspotenzial in der biologischen Forschung aufmerksam zu machen. Grundlage waren insgesamt drei Schweizer Workshops, die im Frühjahr 2016 stattgefunden hatten, sowie die Meinung von insgesamt vierzig geladenen Life-Science-Forschenden von Schweizer Hochschulen. Und die Mehrheit war sich einig: Die Gefahr von Missbrauchspotenzialen in der biologischen Forschung muss publik gemacht werden.

Aber schürt das nicht eher das Feuer?

„Das glauben wir nicht“, meint Ursula Jenal, Mitautorin des Reports und Mitglied des Forums Genforschung. „Es ist wichtig, über die Risiken zu informieren und die Wahrnehmung zu sensibilisieren, sodass jeder Forscher Verantwortung übernimmt, um Missbrauch zu verhindern.“

Denn sowohl viele Materialien als auch Technologien, die in der biologischen Forschung angewendet werden, können mit böser Absicht zweckentfremdet werden – das sogenannte Dual-Use-Dilemma“. Kritiker entkräften das Argument mit der Tatsache, dass nahezu alles einem Dual-Use-Dilemma unterliegt. So zum Beispiel auch ein handelsübliches Küchenmesser. Trotzdem dürfe diese Universalität nicht als Rechtfertigung dienen, das Dual-Use-Dilemma einfach zu ignorieren, schreiben Jenal und Co in der Broschüre.

Gefährliches Wissen

Doch nicht nur Materialien und Technologien bergen Risiken, auch neu errungenes Wissen sollte sorgsam kommuniziert werden, wie ein jüngstes Beispiel zeigt. Einem Team um den kanadischen Virologen David Evans war es kürzlich gelungen, das für ausgestorben gehaltene Pferdepocken-Virus wiederherzustellen – aus DNA-Fragmenten, die Evans online bei der Thermo Fisher Scientific GENEART GmbH in Regensburg bestellt und per Post zugeschickt bekommen hatte. Insgesamt kostete das den Kanadier gerade mal 100.000 Dollar und ein halbes Jahr Arbeit.

Das Pferdepocken-Virus ist zwar für den Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit ungefährlich – ganz im Gegenteil zu seinem nahen „Verwandten“, dem Pockenvirus. Dieses verursacht beim Menschen eine gefährliche Infektionskrankheit, die im Laufe des 20. Jahrhunderts geschätzten 300 bis 500 Millionen Erkrankten das Leben kostete.

Wie Evans nun zeigen konnte, kann man das Pockenvirus also mit wenig Aufwand und Kosten im Labor nachbauen. Aufgrund des immensen Dual-Use-Dilemmas brach in der Wissenschaftsgemeinschaft eine große Diskussion aus, die der Journalist Kai Kupferschmidt zuletzt in Science zusammenfasste. Derweil haben sich Science und Nature Communications dazu entschieden, die Ergebnisse von Evans vorerst nicht zu veröffentlichen.

Für die einen ist diese Maßnahme angesichts der Risiken nachvollziehbar, für die anderen ein Einschnitt in die Freiheit der Forschung. Und weil dieser Grad sehr schmal ist, lehnt zumindest die Mehrheit der schweizer Life-Science-Forscher rechtsverbindliche, staatlich geführte „Top-down“-Ansätze ab. Sie plädieren auf die Vernunft ihrer Kollegen und fordern eine Selbstregulierungsinitiative auf dem „Bottom-up“-Prinzip. 

Großangriff möglich?

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Ergebnisse wie die von Evans zu einer Gefahr werden? Darüber scheinen sich amerikanische Fachexperten der Nationalen Sicherheit, Biosecurity und Biosafety eher uneinig. So veröffentlichte Science im August 2015 eine Untersuchung, in welcher insgesamt 59 Teilnehmer die Wahrscheinlichkeit eines Großangriffs mit biologischen Waffen einschätzen sollten. Das Resultat: Die Experten waren dazu kaum in der Lage.

Aber warum? „Die Möglichkeit eines biologischen Großangriffs ist schwer abzuschätzen, da es glücklicherweise in der Vergangenheit kaum Beispiele gab, die für die konkrete Bestimmung der Risiken herbeigezogen werden können“, vermutet Jenal. „Doch gerade vor diesem Hintergrund ist die Aufklärung über mögliche Risiken und die Wachsamkeit umso wichtiger.“

Einen Anfang hat die Akademie der Naturwissenschaft Schweiz mit ihrem Bericht getan. Sie rufen zur Diskussion auf, dass Missbrauchspotenziale vor allem von Forschern bewusster wahrgenommen und beurteilt werden. Dass sie, wenn möglich, weniger gefährliche Materialien, Organismen oder Technologien verwenden und vor allem mit unerwarteten Ergebnissen vorsichtiger umgehen.

Denn gerade weil Wissen Macht ist, sollten Forscher dieses sehr sorgsam kommunizieren. So können Ergebnisse nicht nur die Menschheit in Gefahr bringen, sondern auch die Umwelt und das Tierreich. Im Juni dieses Jahres berichtete Laborjournal über eine Science-Publikation, in der zwei australische Ökologen forderten, sensible Lokalisierungsdaten von gefährdeten Arten nicht mehr zu publizieren (siehe LJ online). Denn jahrelang hatten Wissenschaftler unwissentlich Wilderern und Plünderern in die Karten gespielten, die dank der detaillierten Fundort-Beschreibungen der Tiere und Pflanzen, diese mühelos einsammeln konnten.

Aus den eigenen Reihen

Sehr passende Worte zitieren Jenal und Co dazu in ihrem Report von einem anonymen Forscher: „[Es ist sicherzustellen,] dass verrückte Leute nicht durch [veröffentlichte Forschungsergebnisse] auf verrückte Ideen gebracht werden.“ Deshalb ist die wohl wichtigste Maßnahme zur Eindämmung von Missbrauchspotenzialen die Ausbildung und Schulung in Biosecurity – gerade auch bei jungen Life-Science-Akademikern, bei denen dies häufig zu kurz kommt.

Damit Forscher ihr eigenes Verhalten besser bewerten können, haben Institutionen wie das Robert-Koch-Institut und die DFG speziell angefertigte Verhaltensregeln und Richtlinien erhoben. Diese sind unter anderem auch im Anhang der Broschüre der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz zusammengefasst. Doch es liegt an jedem einzelnen Forscher selbst, diese Vorschläge in die Tat umzusetzen und sich seiner eigenen Verantwortung klar zu werden. Damit durch ein Bottom-up-Prinzip zwar das Missbrauchspotenzial eingeschränkt wird – nicht aber die Freiheit der Forschung.

Juliet Merz



Letzte Änderungen: 21.09.2017

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