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Warum heißt Ihre Firma eigentlich Morphosys, Herr Moroney?

(31.8.17) Rede und Antwort steht Simon Moroney, der langjährige CEO beim oberbayerischen Antikörper-Entwickler, der im Juli sein 25-jähriges Bestehen feierte. Nur wenige Tage spaeter erlangte der erste im Hause Morphosys mitentwickelte therapeutische Antikörper seine US-Zulassung – ein weiterer Grund zum Feiern.
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Herr Moroney, Sie sind als Naturwissenschaftler lange den Akademia-Weg gegangen. Wann haben Sie entschieden, diesen zu verlassen, und stattdessen eine Firma zu gründen?

Simon Moroney: Ich wollte immer Akademiker sein - erst als Doktorand, dann als Postdoc. Als ich es dann tatsächlich geschafft hatte, als Assistant Professor an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, fehlte mir die Herausforderung. Ich wollte etwas anderes machen. Und deswegen habe ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Schneider entschieden, eine Firma zu gründen. Das war 1991. Wir hatten allerdings keine Ahnung, wie man so etwas macht...

Zumindest hatten Sie aber vermutlich eine Geschäftsidee. Wie sah diese aus?

Moroney: Wir waren beide biologische Chemiker, wir wollten Proteine optimieren - das war unser erstes Konzept. Dann haben wir mit Andreas Plückthun gesprochen, er war damals als Gruppenleiter und Professor hier am MPI [Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried; Anm. d. Red.]. Sein Fokus waren Antikörper. Und so entstand die Idee, Antikörper beliebig zu optimieren, als Reagenzien, Therapeutika oder Diagnostika. Mit diesem Konzept haben wir die ersten Wagniskapital-Firmen überzeugen können.

Wie viel Startkapital hatten Sie zur Verfügung?

Moroney: Nicht sehr viel [lacht]. Zuerst hatten wir – soweit ich mich erinnere – rund 300.000 DM, dazu kam später eine Million DM von der Technologie-Beteiligungsgesellschaft. Insgesamt haben wir also mit etwa 1,3 Millionen angefangen – DM!

Und dann musste noch ein Name her. Wir sind Sie auf Morphosys gekommen?

Moroney: Das war ein langer Prozess. Wir hatten tausende Ideen, konnten uns aber nicht einigen. Kurz vor der Gründung, wir hatten die Wagniskapitalfirmen überzeugt, sagten die dann: 'Die Firma wird innerhalb der nächsten zwei Wochen gegründet, wir brauchen jetzt einen Namen. Das kann erst einmal irgend etwas sein.'

Dann musste es schnell gehen?

Moroney: Genau. Ich erinnere mich, ich saß im Zug nach Zürich und habe an Schmetterlinge gedacht, an den Prozess der Metamorphose. Das ist das, was wir machen wollten: Wir wollten Proteine so ändern, in ihrer Gestalt, dass die Funktion optimiert wird. Das ist wie die Entstehung eines Schmetterlings. Allerdings dachte ich auch: Metamorphosis, auf Englisch, so kann man keine Firma nennen. Aber was wäre, wenn wir das meta wegnehmen? Ich habe nachgeschaut, und es gibt im Englischen tatsächlich das Wort morphosis, Morphose auf Deutsch, und es beschreibt einen Prozess, bei dem zum Beispiel ein Organ eine gewisse Funktion bekommt, durch äußere Einflüsse. Und das ist genau das, was wir mit Proteinen machen wollten. Deshalb sollte die Firma morphosis heißen. Mit dem Ypsilon hinten klingt es ein bisschen systematischer, so wurde daraus morphosys.

Und dieser Vorschlag wurde von den anderen Mitgründern begeistert angenommen?

Moroney: Ich habe das meinen Kollegen und den Kapitalgebern vorgeschlagen, und die haben gesagt: 'Häh? Nein! Kein Mensch in Deutschland kann das aussprechen, keiner wird wissen, ob man das MorphoSYS [Betonung auf der letzten Silbe; Anm. d. Red.] oder MorPHOsys [Betonung auf der zweiten Silbe; Anm. d. Red.] ausspricht. Aber es gab keine anderen Ideen. Deshalb haben wir gesagt: Okay, wir gründen die Firma mit diesem Namen und werden dann irgendwann einen besseren finden.

Das was vor 25 Jahren …

Moroney: Ja, keiner hat Zeit dafür gehabt, einen besseren Namen zu finden. [lacht]

Apropos 25 Jahre. So lange sind Sie auch bereits bei Morphosys, als Mitgründer, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender. Vor kurzem haben Sie gesagt, dass Sie sich darauf vorbereiten, das erste Produkt auf den Markt zu bringen. Hätten Sie vor 25 Jahren gedacht, dass das so lange dauern würde?

Moroney: Das erste Produkt ist Guselkumab und wird nicht von uns vermarktet, sondern von Janssen Biotech. Wir haben den Antikörper hier im Labor gemacht, die haben ihn weiter entwickelt und werden ihn nun kommerzialisieren. Diese Zusammenarbeit [mit Janssens Vorgängerfirma Centocor; Anm. d. Red.] begann im Jahr 2000, das bedeutet 17 Jahre vom Start der Zusammenarbeit, bis das Produkt jetzt auf den Markt kommt. Nein, ich hätte nie gedacht, dass das so lange dauert.

Woran, denken Sie, liegt das?

Moroney: Man muss wissen, dass die ersten Kandidaten nicht nur reine Produktentwicklung waren, sie waren auch Forschungsobjekte. Guselkumab zum Beispiel ist ein Antikörper gegen IL-23 [Interleukin-23; Anm. d. Red.]. Es war nicht von Anfang an klar, dass IL23 bei Schuppenflechte eine Rolle spielt. Es gab also eine Forschungsphase, um überhaupt festzustellen, dass dieses Zielmolekül wichtig ist. Das ist vielleicht ein Grund, warum es so lange gedauert hat.

Haben Sie zwischendurch gezweifelt, ob das mit der Firma doch nicht funktioniert?

Moroney: Ja, absolut. Es gab Phasen, wo nichts voran ging. Wir haben 1996 unsere Technologie kommerzialisiert, aber erst 2006 kam unser erstes Partnerprojekt in die Klinik [in die erste klinische Phase; Anm. d. Red.]. Das hat also zehn Jahre gedauert! Und ich dachte: Was machen die Partner? Warum dauert das alles so lange? Und plötzlich kam eine Welle, im Jahr 2008, da kamen in einem Jahr acht Substanzen in die klinische Prüfung. Alles geht immer in Wellen.

Auf was für einer Welle sind Sie gerade?

Moroney: Ich glaube, wir sind an einem Inflektionspunkt. Das erste Produkt wird auf den Markt kommen, Guselkumab. Janssen rechnet mit der Einführung im dritten Quartal 2017. In den nächsten drei, vier, fünf Jahren können weitere Antikörper folgen. Das ist ein Wendepunkt für die Firma, und eine spannende Zeit.

Und ein Grund zu feiern? Gibt es eine Geburtstagsparty – 25 Jahre Morphosys?

Moroney: Ja, im Juli. Das muss natürlich gefeiert werden! [Lacht]

 Die Fragen stellte Sigrid März

SteckbriefMorphosys AG

Gründung: Sommer 1992

Sitz: Planegg bei München

Mitarbeiter: etwa 350

Produkt: therapeutische Antikörper

Anmerkung: Das Interview fand Anfang Mai 2017 statt, so dass sowohl die 25-Jahr-Feier als auch die Zulassung von Guselkumab noch in der Zukunft lagen. Übrigens: Der Name wirdin der Tat MorPHOsys ausgesprochen (mit Betonung auf der mittleren Silbe).

 



Letzte Änderungen: 25.09.2017

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