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Konsequent korrupt

(5.10.17) In Italien ist ein weit verzweigtes Berufungs-Kartell aufgeflogen, das akademischen Vollpfosten zur heißersehnten Professur verhalf.
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© F.Schmutzer

Der junge Albert hatte es nicht nötig, falsch zu spielen. Der wurde auch so Professor.

Professor wär ich – Ach! – so gern, Professor will ich, will ich werd’n…“

(Ballade eines dem Autor gut bekannten Wissenschaftlers)

In Bella Italia ist’s einfacher. Während man hierzulande jahrzehntelang rackern und ackern und vor allem katzbuckeln (zu neudeutsch: „netzwerken“) muss, um endlich die begehrte Amtsbezeichnung „Professor“ tragen und zum exklusiven Club der rund 46.500 deutschen Professoren gehören zu dürfen, reicht in der Repubblica offenbar ein Geldkoffer ausreichender Größe oder analoge Sachleistungen – Hauptsache diskret entrichtet.

Und schon ist man Professor. Dolce vita!

Na gut – konsequentes Katzbuckeln kann auch in Südeuropa nie schaden - sicher ist sicher. Doch ein abgeschlossenes Hochschulstudium plus pädagogische Eignung plus besondere Befähigung zu wissenschaftlicher Arbeit (nachgewiesen durch eine Promotion) plus zusätzliche wissenschaftliche Leistungen (nachgewiesen durch eine Habilitation) genügen südlich des Gardasees eben oft nicht aus, um eine Professorenstelle zu erlangen. Oder genauer: All diese Qualifikationen braucht es gar nicht unbedingt, um Professor zu werden.

Obligatorisch hingegen ist es, die richtigen Leute zu kennen. Hier in D wie dort in ITA.

Den Unterschied aber machen die restlichen Qualifikationen – die braucht man im Land, in dem die Zitronen blüh’n, definitiv nicht. Zumindest nicht bei den dortigen Juristen. Dies lässt zumindest ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 30. September vermuten. Darin wird berichtet, eine Gruppe italienischer Steuerrechtler werde verdächtigt, „ein System gebildet zu haben, mit dem sie ungeeigneten Kandidaten zu Professorenposten verholfen“ hätten.

Aufgeflogen sei dieses Berufungskartell, weil ein unterlegener Bewerber gegen seine Zurückweisung geklagt und vor Gericht Recht bekommen habe. Inzwischen, so die Süddeutsche Zeitung (SZ) weiter, habe man „sieben involvierte Professoren verhaftet und 22 Dozenten von ihrer Lehrtätigkeit suspendiert“.

Tja, derlei nennt man Korruption, oder schlicht: Betrug.

Die Affäre betrifft offenbar Universitäten in ganz Italien. Alles in allem würden sage und schreibe 59 Personen – laut SZ „vorwiegend Dozenten in Steuerrecht“, verdächtigt, über Jahre hinweg „Kandidaten zu Professorenposten verholfen haben, die den dafür erforderlichen Kriterien unter normalen Umständen nicht genügt hätten“.

„Wichtiger als die fachlichen Meriten war jeweils, wer sie empfohlen hatte, wem mit der Begünstigung ein Gefallen getan werden konnte, welche Hand damit gewaschen wurde. Die Clique sorgte offenbar dafür, dass die Bewerber die üblichen Wettbewerbsprozeduren umgehen konnten.“  (Oliver Meiler am 30. September 2017 in der Süddeutschen Zeitung)

Kurz gesagt: Selbst die größten Vollpfosten duften Professor werden, sofern sie die richtigen Leute kannten und diesen ein paar Gefälligkeiten erfüllten.

Pikant ist ferner, wie fäkalistisch die werten Akademiker offenbar über ihren eigenen Mikrokosmos denken. Einer der in die Affäre verwickelten Professoren bezeichnete die universitären Sphären, in denen er verkehre, in einem internen, vermeintlich vertraulichen Gespräch – dokumentiert von der Staatsanwaltschaft Florenz – mit Attributen, die man eher in der Gosse vermutet: Es gehe nicht darum, „’du bist gut, du bist nicht gut’. Die einzigen Kriterien, die zählten, seien die Kriterien des "elenden Postenschachers" – die Welt der Universität sei nun mal ‚eine Scheißwelt’.“ Soweit die Süddeutsche Zeitung. Ob von diesem neuerlichen Skandal (es ist in Italien nicht der erste dieser Art) auch andere Disziplinen betroffen sind, etwa die Medizin oder die Biologie, ist bislang nicht bekannt. Aber die Lebenswissenschaftler sollten sich hüten, gleich mit dem Finger auf andere zu zeigen - dass es an gewissen (Jura-)Fakultäten so zugeht, ist zumindest an italienischen Universitäten ein offenes, Disziplin-übergreifendes Geheimnis. Doch angezeigt hat es bislang niemand, auch kein Biologe oder Mediziner.

Dabei verdienen italienische Professoren sogar vergleichsweise mies. Deutsche Hochschullehrer kassieren durchschnittlich rund 50.000 Euro Einstiegsgehalt, als Lehrstuhlboss immerhin rund 79.000 Euro; die US-Kollegen erhalten an Elite-Hochschulen ähnlich viel (umgerechnet 49.000 bzw. sogar 88.000 Euro).

Italienische Jungprofessoren hingegen müssen sich mit knapp 22.000 Euro bescheiden - da verdient man sogar als Baggerführer in Wuppertal noch besser. Und selbst als Lehrstuhlinhaber gibt's in Italien nur durchschnittlich 37.000 Euro - Stuttgarter Kanalreiniger haben ein deutlich höheres Einkommen.

Für ein derart mageres Salär sämtliche Moralvorstellungen über Bord werfen, ja gar Gefängnisstrafen und lebenslang Schimpf und Schande riskieren? Also echt - quo vadis, Elfenbeinturm?

Winfried Köppelle



Letzte Änderungen: 29.10.2017

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