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Der Fehlerbalken im Auge des Forschers

"Der Charité-Skandal" (Folgen 1-8 und 9, Update vom 2. März 2010) -- Es gehen Gerüchte, Forscher an der Charité hätten eine Unzahl von gefälschten Papern veröffentlicht. Höchste Stellen seien verwickelt, der Filz reiche bis nach Hamburg. Selbst Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsman der DFG, Kandidatin für das Präsidentenamt der Göttinger Universität, Ikone der deutschen Wissenschaftsethik, wurde angegriffen.

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Da biegt sich der (Fehler-)Balken

Folge 9: Der DFG-Ombudsman gibt an den DFG Ausschuß für Fehlverhalten ab.

 

 

Ende April 09 gab der Ombudsman einen Teil der Angelegenheit Savaskan/Kühbacher an den DFG-Ausschuß zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ab. Dies deswegen, weil keine Vermittlung möglich schien und ein Anfangsverdacht auf Unstimmigkeiten bestand. Aufgabe des Ombudsman ist ja das Vermitteln und nicht das Ermitteln. Die Leiterin des DFG-Ausschusses ist Dorothee Dzwonnek, Mitglieder sind Wolfgang Dahmen, Aachen, Regine Eckardt, Göttingen, Wolfgang Marquardt, Aachen, Gerold Schuler, Erlangen. Als Gutachter bestellte der Ausschuß Andreas Draguhn, Heidelberg.

 

Kühbacher wurde von einem Ausschußmitglied mitgeteilt, daß man seine Vorwürfe ernst nehme. Kühbachers Anhörung hielt man jedoch für unnötig: Man konzentriere sich auf das vorliegende umfängliche Material, hieß es.

 

Der verzweifelte Savaskan wandte sich an DFG Präsident Kleiner und bat ihn, schnell zu einem abschließenden Urteil in seiner Sache zu kommen. Eine Sachbearbeiterin der DFG antwortete am 15.6.09, daß es dem DFG Ausschuß zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens insbesondere um die Frage der acht Ratten ginge. Ob Savaskan dem Ausschuß dazu weitere Belege und Originaldaten zukommen lassen könne? Schon zuvor hatte die DFG Savaskan davon unterrichtet, daß weitere Vorwürfe vorliegen würden. Diese beträfen ein Paper Savaskans in Annals of NY Acad Sci und Nature Medicine.

 

Auch dies ist auf Markus Kühbacher zurückzuführen. Er hatte Savaskans Nature Medicine Paper erwähnt, weil dessen Ergebnisse im Widerspruch zu anderen gemeinsamen Daten stünden.

 

Der Prodekan für Forschung der Charite wurde von der DFG aufgefordert, ihr die Unterlagen Savaskans zuzuschicken. Der Prodekan ließ Savaskans sämtliche Unterlagen und Präparate - auch solche, die mit den inkriminierten Arbeiten nichts zu tun hatten - in einen Karton packen und schickte ihn der DFG zu. Das Material des Ombudsman war direkt an den Ausschuß gegangen.

Der DFG Ausschuß zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens tagte am 16.9.2009, kam aber zu keinem endgültigen Ergebnis.

 

Noch ne Kommission

Am 17. April 2009 hatte Markus Kühbacher den Ombudsman der Charite, Karl Sperling, von seinem Verdacht auf Datenfälschung informiert, sowie daß gegen Savaskan ein DFG-Ombudsverfahren laufe.

 

Am 5. Mai 09 hatte die Fakultäts-Leitung der Charite Savaskan mit den Vorwürfen konfrontiert. Savaskan bestritt sie. Dennoch setzte die Charite Savaskans Berufungsverfahren am 5. Mai 2009 aus (Savaskan war ja im November 2008 auf eine W2 Professur in Berlin berufen worden). Zudem setzte die Charite im Mai 2009 eine eigene Untersuchungskommission ein. Nach Auskunft des Charite Prodekans für Forschung, Rudolf Tauber, sei diese hochrangig besetzt und werde ihre Arbeit noch 2009 abschließen - eine Prophezeiung, die sich nicht erfüllen sollte. Die Mitglieder dieser Kommission sind Thomas Jentsch, Bernd Dörken, Karl Sperling, Walter Rosenthal, Rudolf Tauber (Leiter). Die Ermittlungen der Charite Kommission führt Frau Patricia Ruiz.

 

Das Dalla Puppa Paper

Am 5.10.09 teilte der DFG Ausschuß Savaskan mit, daß die Publikation „The role of selenite on microglial migration“ in Annals of NY Acad Sci. mit den Autoren Lisa Dalla Puppa, Nicolai Savaskan, Anja Bräuer, Dietrich Behne und Antonios Kyriakopolous untersucht werden solle. Die Publikation hat eine Abbildung (Figur 1), die als Figur 8 auch in der Doktorarbeit von Dalla Puppa auftaucht. Bei dieser Figur 1 handelt es sich um ein Balkendiagramm. Dieses ist, wie ein Laborjournal Gutachter, Mitherausgeber einer Zeitschrift für Statistik, feststellte, gleich zweifach fehlerhaft: Die Zelldichten können nicht stimmen und mehrere Balken mit unabhängig bestimmten Werten haben, zumindest scheinbar, die gleiche Standardabweichung. Letzteres fiel auch der DFG-Kommission auf, ersteres anscheinend nicht.

 

Die Erstautorin Dalla Puppa, ehemalige Doktorandin Behnes am HMI, arbeitet inzwischen bei der Berliner Firma Parexcel. Der Laborjournal-Reporter rief Frau Dalla Puppa am 13.10.09 an. Sie zeigte sich überrascht und wollte sich an das Paper nicht erinnern können. Das verwundert, hatte doch Nicolai Savaskan Frau Dalla Puppa am 25.9.09 cc in der Sache angemailt:

Sehr geehrter Herr Kyriakopoulos und sehr geehrter Herr Behne,
mir wurde von einem Journalisten vorgetragen, dass in der Arbeit Ihrer Doktorandin Lisa Dalla Puppa (Dalla Puppa et al., Ann NY Acad Sci, 2007) Unstimmigkeiten in der Abbildung 1 bezüglich Zellzahl und identischer Standardabweichungen vorliegen. Da ich als Koautor bei dieser Arbeit gelistet bin und meine Verantwortung wahrnehmen möchte, bitte ich Sie, den Hinweisen nachzugehen und mir und allen Koautoren die Rohdaten und Originallaborbücher Ihrer Doktorandin offenzulegen, damit die Unstimmigkeiten oder gar möglichen Fehler schnellstmöglich korrigiert werden können.“


An so eine Mail soll man sich zwei Wochen später nicht mehr erinnern können?

 

Frau Dalla Puppa versprach dem Laborjournal-Reporter, sich das Paper anzuschauen und dann zurückzurufen. Das hat sie bisher nicht getan.

 

Nicolai Savaskan erklärte, daß er zwar Zweitautor der Publikation sei, seine Mitwirkung habe sich jedoch auf die Einführung von Dalla Puppa in die Techniken beschränkt. Er sei weder am Erheben und Darstellen der experimentellen Daten beteiligt gewesen, noch habe er Dalla Puppas Doktorarbeit betreut oder ihr Arbeitsverhältnis finanziert. Die DFG-Kommission müsse sich an Dalla Puppas Doktorvater Behne bzw. verantwortliche Coautoren wenden. Savaskan schreibt weiter: „Das bestehende DFG-Verfahren ist nun seit August 2008 anhängig und durch die Länge der Untersuchung und die kleckerweise Information über immer neue Vorwürfe und solche, mit denen ich nicht zu tun habe, hat meine Karriere als Nachwuchswissenschaftler erheblichen Schaden genommen.

 

Wie Laborjournal inzwischen offiziell erfahren hat, ist das HMI (inzwischen HZB = Helmholtz-Zentrum Berlin), was die Frage der Betreuung von Frau Dalla Puppa durch Herrn Savaskan betrifft, anderer Meinung als Herr Savaskan. Auch die Originaldaten, die Laborjournal vorliegen, sprechen für eine Betreuung von Frau Dalla Puppa durch Herrn Savaskan.

 

Die DFG Untersuchung des Dalla Puppa Papers sorgte am HZB für Aufregung. Es wurde ein Untersuchungsausschuß eingesetzt und Kühbacher zum Schweigen verdonnert - was später wieder zurückgenommen wurde. Anfang Februar 2010 sickerte das Gerücht durch, daß der vom HZB eingesetzte Gutachter empfehle, das Dalla Puppa Paper in Annals of NY Acad Sci. zurückzuziehen.

 

 

von Hubert Rehm

 

Als PDFs zum Download:

 

MS1 v4

MS1 v5

Ms2

Dalla Puppa Paper

Nogo Paper


Was bisher geschah:

Folge 1: Die Kontrahenten

 

Folge 2: Der Krach

 

Folge 3: Die Affäre eskaliert

 

Folge 4: Savaskan weist die Vorwürfe zurück

 

Folge 5: Nachforschungen des LJ-Reporters

 

Folge 6: Vermittlungsversuche

 

Folge 7: Der DFG-Ombudsman wird angerufen

 

Folge 8: Der Ombudsman fordert Unterlagen an

 

Folge 9: Der DFG-Ombudsman gibt an den DFG Ausschuß für Fehlverhalten ab

 

Folge 10: Kühbachers Generaluntersuchung

 

Folge 11: Frau Beisiegels Stellungnahme

 

Folge 12: Noch ein fehlerhaftes Paper: Das Nogo Paper

 

Folge 13: Juristische Nullnummer

 

Folge 14: Ein neuer Ermittler schaltet sich ein

 

Folge 15: Hugo Habicht widerspricht Adebar Storch!

 

Folge 16: Seltsame Endziffern

 

Folge 17: Zusammenfassung und Kommentar

 

Folge 18: Ergänzungen und Bemerkungen

 



Letzte Änderungen: 09.08.2010
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