Wirkt, wirkt nicht,...

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Alles, was wir in flüssiger oder fester Form zu uns nehmen, wirkt auf unser Wohlbefinden – uralter Hut. Auch dass gewisse Nahrungsmittel ganz spezifische Wirkungen haben, weiß man seit Ewigkeiten. Allerdings: Wie, wo und auf welche Weise sie ihre jeweiligen Wirkungen entfalten – dies entzieht sich immer wieder hartnäckig unseren Enthüllungsversuchen.

Ein schönes Beispiel für das ganze Dilemma solcher Untersuchungen lieferte vor einiger Zeit der Grüne Tee. Dutzende epidemiologische Studien hatten versucht zu ergründen, ob das grüne Gebräu die Tumorbildung eindämmt oder nicht: einige sahen Hemmeffekte, andere nicht – und wieder andere gar eine Tumor-fördernde Wirkung (Nutr. Cancer, Vol. 31: 151-9).

Immerhin beobachteten parallel einige Kollegen, dass das Haupt-Polyphenol des Grünen Tees, Epigallocatechin-3-Gallat (EGCG), die Urokinase blockiert (Nature, Vol. 387: 561). Dies war damals durchaus spektakulär, da das proteolytische Enzym in vielen Krebszellen überexprimiert wird und synthetische Urokinase-Hemmer bereits einige Mäuse-Tumoren zum Schmelzen gebracht hatten. Dumm nur, dass die ermittelte EGCG-Hemmkurve übersetzt bedeutete, dass man am Tag etwa 10.000 Tassen Grünen Tees trinken musste, um wirksame EGCG-Konzentrationen im Blut zu haben.

Seitdem folgen die „Grüntee-Onkologen“ hauptsächlich der Beobachtung, dass EGCG offenbar die Neubildung von Blutgefäßen (Angiogenese) in Tumoren hemmt (Nature, Vol. 398: 381). Dies sogar bereits in annähernd physiologischen Konzentrationen. Aber wie genau das Polyphenol das machen soll, liegt weiterhin im Dunkeln.

In diesem Jahr sind nun auffällig viele Studien zur vermeintlich gesundheitsfördernden Wirkung der Großfrüchtigen Moosbeere (Vaccinium macrocarpon; englisch „Cranberry“) erschienen – insgesamt knapp hundert. Wieder war es das typische Muster: Seit langer Zeit gab man die Beeren als „bewährtes Hausmittel“ bei einem bestimmten Leiden – hier Harnwegsinfekte, insbesondere bei Frauen – und nun wollten Forscher klären, ob sie tatsächlich und, wenn ja, wie sie helfen.

Wieder bestätigten einige Studien die Infekt-hemmende Wirkung der Moosbeeren, während andere sie widerlegten. Und parallel wurden diverse Hypothesen zu potentiellen Wirkungsmechanismen untersucht:

  • dass die Beeren-Säure die Erreger tötet;
  • dass gewisse Beeren-Bestandteile die Beweglichkeit der Bakterien lähmen;
  • dass deren Anheftung an das Harnwegs-Epithel unterbunden wird;
  • dass bestimmte Beeren-Substanzen die Virulenzfaktoren der Bakterien in Schach halten.


All diese Studien samt ihrer zum Teil vermeintlich positiven Ergebnisse erhielten jedoch vor kurzem einen herben Dämpfer. Eine groß angelegte Meta-Auswertung einer ganzen Reihe von Cranberry-Studien kam am Ende zu dem Schluss, dass man mit Darreichungen von Moosbeer-Produkten aller Art keinerlei Abschwächung von Harnwegs-Infektionen erreiche (Evid. Based Med., Vol. 18(5): 181-2). Und wo nichts wirkt, macht es logischerweise wenig Sinn zu schauen, welche Inhaltsstoffe auf welche Weise genau wirken.

Vielleicht widmen sich nicht zuletzt aus diesem Grund einige Beerenforscher neuerdings der mutmaßlich Blutdruck- und Blutzucker-senkenden Wirkung von Moosbeeren (Nutr. Res., Vol. 33(1): 41-9). Schließlich sind inzwischen auch einige Grüntee-Forscher auf dessen potentiell Alzheimer-ausbremsende Wirkung umgeschwenkt.





Letzte Änderungen: 05.12.2013


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