Organverzicht

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Die Gallenblase. Wir Menschen haben eine, können aber auch ohne sie ganz gut. Mäuse haben auch eine, Ratten dagegen nicht. Bei Kaninchen und Bären hängt sie ebenfalls neben der Leber, Elefanten und Nashörner wie auch Hirsche verzichten wiederum komplett auf das Verdauungs-Hilfsorgan. Und so geht es weiter quer durch die Klasse der Säugetiere: Die einen leben mit Gallenblase – andere, bisweilen recht nahe Verwandte brauchen und haben keine.

Wo vorhanden, dient die Gallenblase nur einem Zweck: Die von der Leber produzierten Gallensäfte zu speichern und nach und nach als Verdauungshilfe vor allem für fettreiche Nahrung wieder in den Zwölffingerdarm abzugeben. Ob ein Tier eine Gallenblase benötigt, hängt also vor allem von dessen Ernährungsstrategie ab. So besitzen insbesondere Tiere, die über längere Perioden nichts essen (etwa wegen Winterschlaf), meist keine Gallenblase – da sie sonst ziemlich sicher Gallensteine bilden würden. Ebenso produzieren Tiere, die kaum Fette zu sich nehmen, oftmals weniger zähflüssige und hydrophobe Gallensäfte – und da diese die Leber kaum stören, müssen sie auch nicht in einer Blase weggespeichert werden.

Interessant wäre jetzt, in welchen Säuger-Linien die Gallenblase eingeführt, nie entstanden, eventuell sekundär abgeschafft oder gar „wiederbelebt“ wurde. Doch dazu haben wir leider trotz intensiver Recherche nichts gefunden.

Wie auch immer – dass die Evolution ganze Organe und andere Körperstrukturen neu bildet, umprogrammiert, abschafft oder wieder einführt, ganz wie der jeweilige Organismus es in seiner Lebensumgebung gerade braucht, ist mittlerweile Standardwissen. Eine „Neubildung“ ist etwa die Bursa Fabricii, in der die Vögel ihre B-Zellen zur Reifung bringen. „Abgeschafft“ wurden zum Beispiel so manche Augenpaare von Fischen, die einst zum Überleben in dunkle Höhlen umzogen. Häufiger und klarer dagegen die „Umprogrammierungen“: Arme wurden zu Flossen oder Flügeln, Beine zu Mundwerkzeugen und Antennen,... Und „wieder eingeführt“ wurden beispielsweise die Flügel von gewissen Stabinsekten, nachdem deren Vorfahren sie einstweilig als nutzlos abgeschafft hatten.

Bleiben wir bei Letzterem – also dem sekundären Wiedereinführen von Strukturen, die in der Linie bereits zuvor etabliert, dann aber vorübergehend wieder abgeschafft wurden. Als zwingende Voraussetzung für solch eine Wiederbelebung nimmt man an, dass die zugrundeliegenden Gene für Aufbau und Wirken der jeweiligen Strukur über die gesamte „Auszeit“ lediglich stillgelegt, aber nicht eliminiert sein dürfen. Nur dann könne durch einige wenige Mutationen die gesamte Produktion der funktionierenden Struktur relativ reibungslos wieder angeworfen werden.

Auf diese Weise könnten etwa Hühner irgendwann wieder Zähne bilden oder uns Menschen Schwänze wachsen – denn die Gene „schlummern“ immer noch im jeweiligen Genom. Hingegen nie mehr wiederkommen dürften demnach die Mägen von etwa 27 Prozent der Knochenfische. Parallel zu den eierlegenden Säugetieren (Monotremen) wie Schnabeltier oder Ameisenigel, haben auch sie irgendwann auf dieses Organ verzichtet. Und da in den entsprechenden Fisch-Genomen inzwischen auch die Gene für die Steuerung des Pepsin- und Säureverdaus komplett fehlen, dürfte hier der „gute, alte“ Magen nur schwerlich wieder auferstehen können (Proc. R. Soc. B 281 20132669).

Allerdings scheint die Evolution ja gerade in Verdauungsangelegenheiten sehr flexibel zu sein – siehe Gallenblase.



Letzte Änderungen: 12.03.2014


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