Großverwandte?

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Wie oft sieht eine Spezies einer anderen sehr ähnlich – ist am Ende aber allenfalls entfernt mit ihr verwandt.

Wie lange etwa glaubten die Eskimos wohl, sie jagten ziemlich große Fische statt meeresbewohnende Säugetiere – trotz des komischen Blaslochs auf dem Rücken und der etwas „unfischigen“ Flossenanordnung? Okay, dass Wale keine Fische sind, weiß man natürlich schon länger. Aber dass deren nächste lebende Verwandte anscheinend die Flusspferde sind, offenbarten genetische Vergleiche erst vor knapp zehn Jahren.

Oder die Spitzmäuse. Sehen aus wie Mäuse, verhalten sich auch sehr ähnlich – sind aber keine. Seit knapp hundert Jahren weiß man, dass unter anderem die nicht ganz „mausartig“ zugespitzte Schnauze den Unterschied macht – und die „Spitzer“ heute tatsächlich am nähesten mit Maulwürfen und Schlitzrüsslern verwandt sind. Und ganz plötzlich waren aus den vermeintlichen Nagetieren Insektenfresser geworden. (Was aber womöglich noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, da die Insektenfresser bis heute als Ordnung taxonomisch stark umstritten sind. Beispielsweise flogen die Spitzhörnchen und die Rüsselspringer erst vor vierzig Jahren als „nicht nahe genug verwandt“ wieder heraus, um eigene Ordnungen zu bilden. Dies aber nur am Rande...)

Den „Antrieb“, warum Arten mit verschiedener Entwicklungsgeschichte derart ähnlich erscheinen, nennen die Spezialisten „konvergente Evolution“. Wir hatten das Thema bereits mehrmals an dieser Stelle, daher nur ganz kurz: Richten sich zwei Arten mit getrennter evolutionärer Vorgeschichte unabhängig voneinander in nahezu identischer Umwelt ein, so begegnen sie den dortigen spezifischen Anforderungen und Zwängen nicht selten mit ganz ähnlichen Anpassungen – so dass sich am Ende beide Linien trotz unterschiedicher „Start-Phänotypen“ über die Zeit immer ähnlicher werden.

Interessanterweise scheint dabei Größe kaum eine Rolle zu spielen. Nehmen wir wieder die Wale. Deren letzter landbewohnender Vorfahr vor über 50 Millionen Jahren soll neuerdings ein fuchsgroßer Paarhufer mit langem Schwanz namens Indohyus gewesen sein. Und aus dem entwickelten sich nach dem endgültigen Umzug ins Wasser letztlich viel größere und „fischähnlichere“ Tiere, die heute im Schnitt auch sämtliche Fisch-Mitbewohner an Ausmaß übertreffen.

Ein weiteres schönes Beispiel haben gerade Forscher des American Museum of Natural History in New York veröffentlicht (PLOS ONE 9(5): e96998). In deren Fokus: Relicanthus daphnae, ein Tiefsee-Nesseltier mit einem rosafarbenen Körper, von dem ein Büschel bis zu zwei Meter langer, leuchtfarbener Tentakel ausgeht. Für deren Entdecker war 2006 sofort klar, dass die Tiere aufgrund der großen Ähnlichkeiten zur Nesseltier-Ordnung der Seeanemonen (Actinaria) gehören mussten – auch wenn deren übrige Vertreter nicht annähernd so groß wurden. Nach DNA-Vergleich mit 122 weiteren Anemonenarten stellten die New Yorker jedoch fest, dass Relicanthus vielmehr eine ganz eigene Nesseltier-Ordnung repräsentiert. Und mehr noch: Relicanthus fehlen im Vergleich mit anderen Nesseltieren zwar die gleichen Merkmale wie auch den Seeanemonen, etwa das Exoskelett – doch während die Seeanemonen diese im Laufe der Evolution allmählich verloren, hat nach den New Yorker Daten Relicanthus diese niemals besessen.

Schon enorm, wie die Evolution auf verschiedenen Wegen zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommt. Wenn auch in verschiedener Größe.



Letzte Änderungen: 10.06.2014


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