Ausgefuchste Würmer

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Woran erkennt man gute Hypothesen? Womöglich auch daran, dass man immer wieder auf sie zurückkommt.Auch in dieser Kolumne.

Eine, auf die letzteres klar zutrifft, ist die sogenannte Red-Queen-Hypothese. Der US-Biologe Leigh Van Valen formulierte sie in den 1970ern – mit Namensbezug auf Lewis Carolls Roman „Through the Looking-Glass“, in dem die Rote Königin erklärt: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Übersetzt auf die Evolution heißt das nach Van Valen: Entwickelt eine Art irgendeinen Vorteil, folgt daraus in aller Regel ein Nachteil für eine andere Art – weswegen diese möglichst schnell nachziehen muss, um ihren Status halten zu können.

Bisweilen nehmen solche ko-evolutiven Wettrennen ziemlich skurille Züge an – insbesondere in den innigen Beziehungen zwischen Parasiten und ihren Wirten. Paradebeispiel ist seit jeher der Kleine Leberegel (Dicrocoelium dendriticum), dessen komplexen Entwicklungszyklus über die zwei Zwischenwirte Landschnecke und Ameise bis zum Endwirt Schaf oder Rind unzählige Biologie-Studenten lernen mussten. Zu Recht, wenn man sich klar macht, dass der kleine Trematode sich hier im evolutionären Wettrennen mit gleich drei anderen (Wirts-)Arten befindet. Gerät er auch nur in einem davon zu weit in Rückstand, ist der gesamte Zyklus unterbrochen – und es würde wohl bald keine Kleinen Leberegel mehr geben.

Dies ist umso erstaunlicher, wenn man sich anschaut, mit welchem Trick er Ameisen als zweiten Zwischenwirt in den Zyklus einspannt. Während der Großteil der Egel-Larven in der Leibeshöhle der Ameise heranreift, entert eine Larve das Gehirn des Insekts – und steuert dessen Verhalten um: Statt am Abend in ihr Nest zurückzukehren, beißt die Ameise sich völlig untypisch an der Spitze eines Grashalms fest und wird an diesem exponierten Platz mit hoher Wahrscheinlichkeit von Endwirt Schaf oder Rind verspeist – wo sich die Larven dann fertig entwickeln können.

Ein ähnlich ausgefuchstes Beispiel parasitischer Manipulationskunst beschreiben jetzt zwei US-Biologen (Int. J. Parasitol. 44: 969-75). Die Hauptrollen in diesem ko-evolutiven Wettrennen spielen der Flohkrebs Hylella azteca als Zwischenwirt und der Kratzwurm Leptorhynchoides thecatus als sein Parasit. Wie beim Kleinen Leberegel sind die Kratzwurm-Larven zur Komplettierung ihres Entwicklungszyklus darauf angewiesen, dass die von ihm befallenen Flohkrebse tatsächlich gefressen werden – insbesondere vom Grünen Sonnenbarsch (Lepomis cyanellus), ihrem bevorzugten Endwirt. Und die Krebse haben natürlich was dagegen.

Dumm nur, dass auch der Kratzwurm seinen Zwischenwirt effektiv manipuliert, um ihn seinem Endwirt ins Maul zu treiben. Normalerweise entgehen die Flohkrebse ihren Fraßfeinden, indem sie rechtzeitig gewisse Substanzen riechen, die diese ins Wasser abgeben – Kairomone nennt man solche Signalstoffe. Zusätzlich wirken Alarmpheromone, die bedrängte Artgenossen ausschütten, genauso. Mit entsprechenden „Duftessenzen“ fanden die Autoren nun, dass die Wurmlarven dieses Geruchsalarmsystem der Krebse komplett ausschalten. Mit der Folge, dass sie sich bei vermeintlicher Fressgefahr arglos weiter im Wasser tummeln, statt sich wie ihre uninfizierten Artgenossen sofort zu verstecken.

Im Moment liegen also die beiden Würmer knapp vorne, könnte man sagen. Schade, dass wir nicht erfahren werden, wie diese Wettrennen in den nächsten Jahrhundertausenden weitergehen.



Letzte Änderungen: 14.02.2015


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