Warum nicht?

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Vieles änderte sich, nachdem Darwin seine Theorie präsentierte, dass Spezies sich durch natürliche Selektion stetig verändern – und bisweilen sogar neue entstehen. Allein die Vorstellung, dass Organismen eben nicht „schon immer so waren und in alle Ewigkeit so sein werden, wie sie einst erschaffen wurden“, sondern dass die belebte Welt, wie wir sie gerade sehen, in erdgeschichtlichen Zeiträumen lediglich eine flüchtige Momentaufnahme darstellt – damit geriet bekanntlich so Einiges ins Wanken.

Was aber bedeutete die Einführung der Evolutionstheorie für die biologische Wissenschaft? Mittlerweile ist es ja eine Plattitüde, dass weniger das Finden von Antworten den Kern guter Wissenschaft bildet, als vielmehr das Aufspüren und Formulieren guter Fragen. Vor Darwin war die Biologie jedoch nahezu ausschließlich darauf beschränkt, nach dem Was, Wo, Wie und Wozu zu fragen. Seine Theorie, dass jeder Organismus sich durch dauernde Veränderung an eine sich ebenfalls stetig verändernde Umwelt anpasst, machte jedoch eines umgehend klar: Jede biologische Struktur und jedes biologische System repräsentiert zwei Dinge zugleich – ein biologisches Problem und einen Weg, dieses Problem zu lösen. Damit schenkte Darwin der Biologie letztlich die Basis dafür, von nun ab auch Warum-Fragen stellen zu können. Und haben sich diese seither nicht oftmals als die interessantesten und fruchtbarsten in der Biologie erwiesen?

Ebenso wurde damit im Umkehrschluss möglich, Warum nicht? zu fragen. Sicher besteht dabei die Gefahr, dass dies allzu schnell in reine und nur wenig produktive Gedankenspielereien ausartet. Zumindest eine solche Frage scheint sich aber inzwischen aus den verschiedensten Gründen dauerhaft in so manchem Forscherhirn etabliert zu haben: Warum machen Tiere keine Photosynthese?

Immerhin müssten sie dann kaum nach Nahrung suchen und bräuchten ebensowenig den ganzen Atem-Sauerstoff aufwändig zu den Geweben transportieren. Als ob das kein Vorteil wäre – jedenfalls theoretisch. Dazu kommt, dass die Photosynthese schon sehr alt ist und von daher die Bausteine und Module dazu in der Evolutionsgeschichte stets parallel verfügbar waren. Und zudem haben ja ein paar wenige Beispiele bereits gezeigt, dass Photosynthese grundsätzlich mit tierischem Leben vereinbar zu sein scheint.

Das prominenteste, natürliche Beispiel liefern sicherlich gewisse Meeresschnecken, allen voran Elysia chlorotica, die die Plastiden einverleibter Algen eben nicht verdauen, sondern vielmehr wochenlang in ihren Darmzellen photosynthetisch für sich arbeiten lassen.

Doch auch im Labor zeigt sich der Zebrafisch durchaus aufgeschlossen gegenüber Versuchen, ihn photosynthetisch „nachzurüsten“. Bereits 2011 beobachtete eine Harvard-Gruppe, dass Cyanobakterien, die in Zebrafisch-Eizellen gespritzt wurden, sich im erwachsenen Fisch munter weiter teilten – und der Fisch sich ebenfalls nicht an den grünen Eindringlingen störte (PLoS One 6(4): e18877). Eine ähnlich friedliche Ko-Existenz im Fisch beobachteten jetzt chilenische Forscher mit Chlamydomonas (PLoS One 6(4): e18877).

Natürlich verhalf in beiden Fällen die erzwungene Symbiose den Zebrafischen noch lange nicht zu photosynthetischer Autotrophie. Wiewohl die Fische eine weitere wichtige Voraussetzung dazu von Vorneherein mitbringen: Sie sind transparent.

Womit wir schon mal einen Grund hätten, warum eine „tiefreichende“ Photosynthese bei uns wohl nicht funktionieren würde.



Letzte Änderungen: 02.09.2015


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