Alte Haudegen ganz frisch

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Wir müssen nochmals auf ein Paper zurückkommen, über das wir bereits an anderer Stelle im Heft berichtet hatten. Warum, das dürfte am Ende dieser Kolumne hoffentlich klar sein.

Vor gut fünf Jahren erschien der betreffende Artikel in Nature (470: 163-5). Darin stellten die Autoren fest, dass drei Viertel der vielen Paper über menschliche Proteinkinasen nur zehn Prozent der 518 bekannten Kinasen abdeckten. Und umgekehrt tauchten nach deren Analyse gute 60 Prozent dieser Proteinkinasen insgesamt in nur fünf Prozent der Kinase-Paper auf. Fazit: Ganze 300 Proteinkinasen wurden von den Forschern bis dahin praktisch ignoriert.

Das jedoch war noch gar nicht mal das Schlimmste. Noch bedenklicher fanden die Autoren, dass diese Schief­lage über die ganze lange Zeit qualitativ stabil geblieben ist. Das heißt, es sind heute wie damals immer noch dieselben „alten Bekannten“ unter den Kinasen, die den Löwenanteil dieser Publikationen unter sich aufteilen.

Die Autoren rechneten vor: Entfielen bis 2002 knapp 84 Prozent der Paper auf 50 Kinasen (zehn Prozent des sogenannten Kinoms), so verbuchten dieselben 50 Kinasen zwischen 2003 und 2008 immer noch 77 Prozent der Artikel – und im Jahr 2009 weiterhin 74 Prozent. Das wunderte sie sehr. Denn hatten nicht seit Anfang des Jahrtausends all die „Omiken“ samt Bioinformatik und Systembiologie massenhaft Hinweise geliefert, dass sich unter den paar Hundertschaften kaum studierter Kinasen noch jede Menge hochinteressanter Familienmitglieder verbergen würden?

„Warum versuchen dann nur so wenige Forscher, all diese kleinen Schätze zu heben?“ – so fragten die Autoren etwas konsterniert. Zumal der Weg zu ruhm- und ehrenvollen Ergebnissen hier doch bis heute besonders offen vor einem zu liegen scheint.

Die Verfasser diskutierten natürlich auch einige mögliche Gründe für diese unterlassenen Forschungsleistungen. Doch dies soll hier jetzt nicht weiter Thema sein. Wir wenden uns vielmehr den vermeintlich durch- und abgeforschten „alten Kinase-Haudegen“ zu...

Stellen Sie sich vor, sie begutachten einen Antrag, in dem jemand tatsächlich ein Projekt über eine der Top 10-beforschten Proteinkinasen vorschlägt. Über eines jener Familienmitglieder also, über die man bereits alles wirklich Wichtige zu wissen glaubt. Würden Sie nicht innerlich aufstöhnen und denken: „Arme Forschung, die immer mehr über immer weniger erfahren will. Gibt es denn keine großen Fragen mehr?“

Für gewisse Berliner Forscher wurde dieses Szenario glücklicherweise keine Realität. Eher ungeplant stießen sie bei ihrer Arbeit auf die Proteinkinase A (PKA). Allein für diese notiert Medline trend bisher 17.000 Paper-Treffer. Und dennoch fanden die Berliner einen völlig neuen Regulationsmechanismus für diesen „Altvater“ unter den Kinasen.

Schon lange war folgender Mechanismus klar: Die Zelle erhält ein Signal, das den Botenstoff cAMP losschickt – cAMP bindet an die regulatorische PKA-Einheit – diese gibt umgehend die katalytische PKA-Einheit frei – woraufhin diese wiederum bestimmte Zielproteine phosphoryliert. Die Berliner fanden jetzt mit ARHGAP36 allerdings ein Protein, das die frei gewordene katalytische Untereinheit durch Bindung direkt wieder blockieren kann – und sie damit zugleich für den Ubiquitin-vermittelten Abbau im Lysosom markiert (Nature Comm. 7: 12963). Ein durchaus wichtiger Ko-Regulator des weitverbreiteten cAMP-PKA-Signalwegs also.

Und was lernen wir überdies daraus? Dass auch unter den Zellmolekülen so mancher „alte Haudegen“ noch für eine dicke Überraschung gut sein kann.



Letzte Änderungen: 09.11.2016


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