Spaß lass nach!

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Hin und wieder wird aus Spaß schnell Ernst. Auch in der Bioforschung.

Vor vier Jahren etwa war allenfalls als augenzwinkernde Lästerei gemeint, was Stephan Feller, damals in Oxford aktiv, in einem Editorial unter der Überschrift „Microproteins (miPs) – the next big thing“ zum Besten gab (Cell Commun Signal 10: 42). Schon das Abstract ließ keinen Raum für Fehldeutungen:

„iPS-Zellen, sncRNAs, Krebsstammzellen und Steuerung der Chromatinmodifikation kühlen schon wieder runter und garantieren nicht mehr für Paper in den ‚ultimativen‘ Journalen. Was wird also nun der allerneueste, brandheiße (oder super-coole) Schrei? Wir tippen auf… Mikroproteine.“

Und weiter ging‘s mit klarem Schalk im Nacken: „Falls jemand jetzt nicht weiß, worum es sich dabei handelt – keine Sorge: Niemand weiß es.“

Angesichts der Geschichte einiger der jüngsten großen Entdeckungen, so Feller weiter, läge allerdings klar auf der Hand, „dass die gefärbten Lauffronten der Proteingele, die bislang jeder einfach abgeschnitten und weggeworfen hat, wohl ebenfalls wahre Schätze an wertvollen kleinen Juwelen enthalten“. Vor allem böte das Material konkret ein „Riesen-Potential für die Entdeckung jeder Menge aufregender Regulatoren, die die Konformation oder das Bindeverhalten von Proteinen steuern, deren subzelluläre Lokalisation ändern, und was nicht noch alles…“

Mikroproteine also. Oder weil bekanntlich knackige Abkürzungen die Musik machen: miPs. Wobei sich laut Feller natürlich schon abzeichne, „dass sie auf diese Weise mindestens Stammzelldifferenzierung und Embryo­nalentwicklung steuern sowie wichtige Rollen bei der Entstehung von Krebs und neurodegenerativen Krankheiten spielen. Mal ganz abgesehen davon, dass sie großartige Leitziele für zukünftige Medikamente bieten dürften.“

Dabei sollten sie nicht einmal schwer zu studieren sein:

„[…] einfach nur die Lauffronten der Proteingele bis zum Umfallen durchspektroskopieren, alle erhaltenen miP-Kandidaten frisch synthetisieren und biotinylieren – und ab damit nach Bindepartnern fischen.“

Und nachdem Feller noch ein paar Vorschläge zur miP-Transfektion, zu miP-Knockouts und -Knockins sowie zur miP-Omik ausbreitete, schloss er:

„Das ist alles, mehr wäre wirklich nicht zu tun… Also würde BITTE mal jemand nachschauen.“

Tja – was jetzt kommt, ist klar: Aus Fellers Spaß ist Ernst geworden. Zugegeben, der Begriff „Mikroproteine“ wurde auch zuvor schon vereinzelt gebraucht – vor allem für kleine Proteine, die meist durch konkurrierende Bindung die Bildung aktiver Transkriptions­faktor-Dimere hemmten (siehe Laborjournal 3/2014: 46). In einem ‚ultimativen‘ Journal tauchten sie aber erst jetzt erstmals auf – nachdem tatsächlich „mal jemand nachgeschaut“ hatte.

Gleich 400 potentielle neue Mikroproteine fanden kalifornische Forscher, nachdem sie extra eine spezielle Detek­tionsstrategie für die Winzlinge ausgetüftelt hatten. Eines davon charakterisierten sie genauer und konnten ihm eine wichtige Steuerrolle beim mRNA-­Recycling via P-Bodies zuschreiben. Entsprechend tauften die Kalifornier dieses miP auf den Namen NoBody (für non-annotated p-body dissociating polypeptide) – und veröffentlichten das Ganze in Nature Chemical Biology (publ. online 5. Dezember 2016).

Stephan Feller steht nicht in der Autorenliste. Obwohl er in seinem Editorial damals extra schrieb: „Wenn jetzt jemand tatsächlich etwas findet, dann weil wir darauf hingewiesen haben – und daher würden wir natürlich an dem Ruhm teilhaben wollen.“ Aber war ja nur Spaß!



Letzte Änderungen: 06.02.2017


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