Verzerrtes Wissen?

Archiv: Schöne Biologie

Ralf Neumann


Rauschen

Kürzlich sagte Attila Becskei vom Biozentrum der Uni Basel den Satz: „Manchmal ist kaum zu glauben, dass Wissenschaftler rund dreißig Jahre unwissentlich mit Methoden arbeiten, die verzerrte Ergebnisse liefern.“

Wissen die Forscher tatsächlich öfter nicht um die Verzerrungsgefahr ihrer Ergebnisse? Oder ist ihnen nicht doch viel häufiger klar, dass die Ergebnisse womöglich nicht ganz sattelfest sind – eben weil sie genau wissen, dass die Methodik nicht hundertprozentig reif für die Klärung des Problems ist? Aber immerhin besser als gar nix – und da schaut man sich natürlich trotzdem an, was damit rauskommt...

So in etwa muss es beispielsweise gewesen sein, als Theophilus Painter 1923 einen diploiden menschlichen Chromosomensatz von 48 verkündete. Zuvor hatte er Hodengewebe in Paraffin eingebettet, Dünnschnitte hergestellt und gefärbt – und dann versucht, unter dem Mikroskop in dem Durcheinander unkondensierter DNA-Fäden diskrete Chromosomen zu zählen. Nach den Bildern, die Painter von seinen Schnitten zeichnete, musste ihm damals klar gewesen sein, dass seine Methodik kein klares Ergebnis liefern konnte. Aber besser ging es eben nicht.

Endlich war die Methodik reif

Umso mehr staunen die Experten noch heute, wie denkbar knapp Painters Zahl bei diesen Bildern am Ende daneben lag. Nicht zuletzt deshalb gelang es auch dreißig weitere Jahre keinem, das falsche Ergebnis zu entzerren. Erst als Joe Hin Tjio und Albert Levan im Jahre 1956 Zellen durch Colchicin in der Metaphase einfroren und die somit kondensierten Chromosomen nach hypotoner Vorbehandlung spreiteten, konnten sie die Zahl unseres diploiden Chromosomensatzes auf 46 korrigieren – und immer wieder zuverlässig reproduzieren.

Die Methodik zur Chromosomendarstellung war also endlich zur Reife gebracht – nicht zuletzt, weil man genau wusste, dass die bisherigen Verfahren nur sehr ungenaue Ergebnisse liefern konnten.

Warum aber hat jetzt Attila Becskei den eingangs zitierten Satz vom unwissentlichen Arbeiten mit verzerrenden Methoden gesagt? Die Antwort liegt nahe: Seine Gruppe hatte gerade selbst eine entsprechende Erfahrung gemacht. Und die lag vielleicht tatsächlich ein wenig anders.

Die Frage von Becskei et al. war nicht neu: Wie lange halten sich mRNAs als Vorlagen für die Proteinproduktion, bis sie wieder abgebaut werden? Die bisherigen Antworten schienen ihnen jedoch offenbar nicht präzise genug. Mit gutem Grund, denn immerhin reguliert die Zelle ja vor allem über die Lebensdauer der mRNA-Matrizen, wel­che Mengen des jeweiligen Proteins sie tat­sächlich produzieren will.

Also begaben sich die Basler auf eine Art experimentelle Ochsentour: Mit der vergleichsweise aufwendigen Multiplexed-Gene-Control-Methode manipulierten sie rund fünfzig Gene, so dass sie hernach für jedes einzelne separat den Schicksalsweg der abgelesenen mRNA verfolgen konnten. Schluss­endlich hielten sie fest: Über achtzig Prozent der untersuchten mRNAs überlebten nicht mal zwei Minuten in der Zelle, der Rest schaffte zwischen fünf und zehn Minuten (Science Advances 3(7): e1700006).

Was aber hat das jetzt mit dem Nichtwissen um verzerrte Ergebnisse zu tun? Dreißig Jahre lang galt für mRNAs eine Halbwertszeit von etwa zwanzig Minuten. Diesen Wert hatten zwei Methoden geliefert, die allerdings entweder die ganze Zelle oder die untersuchten mRNA-Moleküle deutlich stärker „störten“ als das jetzige Basler Verfahren. Da sich jedoch beide Methoden so gut gegenseitig zu bestätigen schienen, glaubten die meisten, dass sie tatsächlich „wahre“ Ergebnisse lieferten, und keine verzerrten. Und arbeiteten wohl tatsächlich unwissentlich weiter mit ihnen.



Letzte Änderungen: 14.09.2017


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