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Buchbesprechung

Adriana Schatton




Peter Berthold:
Das Auerhuhn: Peter Berthold erzählt

Audio CD: 2 Audio-CDs, 115 Minuten, Fotobooklet 20 Seiten
Verlag: supposé; Auflage: 1 (1. Oktober 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3863850122
ISBN-13: 978-3863850128
Preis: 24,80 Euro (Audio-CD)

Ein uriger Vogel

Ausnahmezustand im Forst: Balztolle Hähne treffen Hennen am Boden, und im Bergwald ertönt ungestümes Hudern, Knappen, Wetzen und Worgen.


Der deutsche Ornithologe und Verhaltensforscher Peter Berthold. Foto: Ullstein

Dachten Sie auch, dass Adler, Nachtigallen und Pinguine die faszinierendsten Vögel seien? Weit gefehlt. Der spannendste Vertreter der Klasse Aves ist das Auerhuhn. Dies behauptet zumindest Peter Berthold, der langjährige Leiter der Vogelwarte Radolfzell und bis zu seiner Emeritierung 2004 Max-Planck-Direktor in Seewiesen. Die Doppel-CD, die der inzwischen 78-jährige Vogelforscher mit dem mächtigen Rauschebart über diesen „urigen“, vom Aussterben bedrohten Vogel aufgenommen hat, kommt ohne drögen Wissenschaftsjargon aus. Stattdessen enthält sie eine Reihe witziger und überraschender Anekdoten – zum Beispiel jene, dass sich der alpenländische Traditionstanz „Schuhplattler“ in seinem Bewegungablauf an den Balztanz und -gesang des Auerhahns anlehnt.

Das Hörbuch mit seinen 13 Kapiteln – die beispielsweise mit „Pferd des Waldes“ oder „Der Rest vom Schützenfest“ übertitelt sind – kommt unprätentiös, ja geradezu puritanisch daher: Es gibt keine An- oder Abmoderation, ja nicht mal eine Einstiegsmelodie. Sobald die Play-Taste gedrückt ist, redet Berthold ohne Punkt und Komma und anscheinend völlig frei – über die Biologie des vielgejagten Vertreters der Fasanenartigen und dessen historisches und aktuelles Verhältnis zum Menschen.

Letzteres wurde über die vergangenen Jahrhunderte hinweg von der Jagd dominiert. Schon im Mittelalter konzentrierten sich die Jäger nach der Hirschbrunft im Herbst auf die im Frühjahr balzenden Auerhähne. Deren aggressives Auftreten gegenüber ihren männlichen Artgenossen schien besonders reizvoll auf die Jäger zu sein, allerdings zum Nachteil der Tiere: Deren Zahl verringerte sich aufgrund der intensiven Bejagung allein im Schwarzwald von 10.000 Individuen vor rund 200 Jahren auf die heutige Population von 600 Männchen und Weibchen.


Foto: Amada44

Das „Pferd des Waldes“

Seine eigentümlichen Schnalzgeräusche machen den Auerhahn leicht auffindbar und haben ihm wohl auch den Namen „Pferd des Waldes“ eingebracht. Auf den CDs befinden sich mehrere Hörbeispiele – etwa die im Jägerjargon „Knappen“ genannte Lautäußerung, die wie das Schnalzen der Zunge am Gaumen oder das Schlagen zweier hohler Hölzer aufeinander klingt und daher an ein Pferd im Schrittgang erinnert, oder das „Wetzen“, eine Art Fauchen beziehungsweise Zischen. Ja, dieser Vogel hat in der Tat weit mehr zu bieten als der unbedarfte Laie vermutet.

Aber nicht nur das Balzverhalten steht im Fokus der Forschung, auch die Genetik, Verbreitung und Zucht wurden von Berthold und dessen Kollegen untersucht. Im Kapitel „Infraschall“ erfährt der Zuhörer in diesem Zusammenhang, dass Wissenschaft nicht immer „glatt“ geht und aufgestellte Hypothesen daher auch mal verworfen werden müssen. Die Forscher nahmen nämlich an, dass die Hähne Balzsignale im Infraschall produzieren würden und diese für das Weibchen von besonderer Bedeutung für die Auswahl des gesündesten Männchens seien. Tatsächlich konnte mit Spezial-Mikro­fonen ein signifikanter Anteil Infraschall während des Flatterns mit den großen Flügeln im Balztanz nachgewiesen werden. In einem Weibchenwahl-Experiment zeigten die Weibchen dann allerdings keine Präferenz für den Infraschall. So geht Forschung!

Unüberhörbar ist es Berthold ein Herzensanliegen, die Zuhörer über die bedrohliche Situation der auf der „Roten Liste“ stehenden Vogelart aufzuklären. Als sogenannte „Schirmart“ sei das Auerhuhn auch immer Indikator für einen gesunden Zustand des Waldes, denn in dessen Lebensraum siedeln sich auch andere bedrohte Tierarten wie Eulen, Spechte, das Haselhuhn, Kreuzottern – und auch Pilze und Beerenpflanzen an. Besonders wichtig sei ein lichter, sogenannter stufiger Wald mit einigen Kahlschlägen, die heutzutage verboten seien. Entgegen allgemeiner Erwartung würde ein Klimawandel – und die damit einhergehenden Stürme, die wiederum die Bäume entwurzelten und für mehr Lichtungen sorgten – diesen Tieren ganz zupass kommen.

Klimawandel? Prima!

Berthold stellt zudem Forscher und Schutzprogramme vor, wie zum Beispiel die Einrichtung eines neuen Nationalparks im Schwarzwald. Gleichzeitig mahnt er, dass die vielen „Gummistiefel-Ökologen“ falsch lägen, wenn sie den Wald sich selbst überlassen wollten, um einen möglichst authentischen Urzustand zu erreichen. Bei den derzeitigen Klimaveränderungen würde er dann von Brennesseln und Büschen verdrängt. Stattdessen müsse der Mensch immer wieder aktiv eingreifen und auslichten.

Für Auerhuhn-Fans sind Bertholds Geschichten natürlich ein Muss, aber auch an Wissenschaft und Umweltschutz interessierte Laien werden viel von der Audiolektüre mitnehmen – eine kurzweilige und erfrischend schräge Unterhaltung für unterwegs und auch für die Badewanne.







Letzte Änderungen: 08.05.2017


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