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Buchbesprechung

Kai Krämer




Caroline Walter & Alexander Kobylinski:
Patient im Visier. Die neue Strategie der Pharmakonzerne.

Taschenbuch: 268 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Lizenzausgabe (12. Dezember 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518463055
ISBN-13: 978-3518463055
Preis: 12 Euro (Taschenbuch), 17 Euro (gebunden)

Werbung verboten? Uns doch egal...

Mit dem Ziel, verbotene Arzneimittelwerbung aufzudecken, gründeten zwei Journalisten in Wallraff-Manier eine Pharmafirma, gaben sich als Patienten aus und besuchten als Ärzte getarnt einen Kongress.

Das wichtigste Thema von Frauenzeitschriften ist – neben Klatsch und Mode – die Gesundheit. Die Stammleser möchten vom Boulevardblatt ihres Vertrauens umfassend und kompetent über die neuesten Trends der Medizin informiert werden. Die Aktuelle, Das Goldene Blatt und Co. tun ihnen den Gefallen: Sie berichten regelmäßig über Wunderheiler – und auch über neue Wirkstoffe und Therapien. Angesichts des typischen Durchschnittsalters der Leser ist jedoch anzunehmen, dass das meiste davon umgehend wieder vergessen wird.

Zum Glück. Denn die Journalisten Caroline Walter und Alexander Kobylinski haben recherchiert, wie skrupellos mit versteckter Pharmawerbung Geld verdient wird. Dabei ist es in Deutschland gesetzlich verboten, Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente zu machen. Geregelt ist dies im Heilmittelwerbegesetz (HWG), in dem es heißt: „Für verschreibungspflichtige Arzneimittel darf nur bei Ärzten, Zahnärzten, Tierärzten, Apothekern und Personen, die mit diesen Arzneimitteln erlaubterweise Handel treiben, geworben werden.” Das Gesetz soll Verbraucher vor irreführender Werbung schützen und neutrale Informationen gewährleisten.

Walter und Kobylinski haben in ihrer Undercover-Recherche Methoden der Pharmaindustrie aufgedeckt, mit denen sie dieses Werbeverbot gezielt umgeht. Dabei dreht sich alles um die Strategie der Firmen, die Patienten direkt ins Visier zu nehmen und zu beeinflussen. Kritiker mögen einwenden, dass das Buch sieben Jahre alt ist. Doch hat sich die Praxis seitdem geändert? Ein Griff ins Frauenzeitschriftenregal genügt, um zu erkennen: Nein, absolut nicht. Das Buch ist aktuell wie am ersten Tag seines Erscheinens.

Walter und Kobylinski fragten sich, wie neutral die erwähnten Berichte in der Boulevardpresse sind. Sie gründeten eine fiktive Pharmafirma und gaben vor, ihr neues Alzheimer-Medikament, angeblich kurz vor der Zulassung stehend, an den Patienten bringen zu wollen. Dabei stießen sie auf Agenturen, die auf – teils illegale – Pharmawerbung spezialisiert sind. Deren Geschäft ist es, verschreibungspflichtige Medikamente auf allen Kanälen zu bewerben. So wurde den angeblichen Mitarbeitern der Pharmafirma beispielsweise ein als journalistischer Artikel getarnter Bericht inklusive Produktnennung in der Zeitschrift Bunte angeboten. Auch andere Zeitschriften seien möglich – je nach Budget. Insgesamt könnten mit einer derart gekauften Kampagne 13 bis 14 Millionen Leser erreicht werden.

Gekaufte Medien

Im Internet sieht es nicht besser aus. Die Autoren berichten von diversen Internetseiten, die wie unabhängige Informationsquellen aussehen, aber von Pharmafirmen betrieben werden. Sogar Diskussionsforen, in denen sich Patienten austauschen, würden von Pharmamitarbeitern gesteuert. Doch auch wenn Patienten durch verbotene Pharmawerbung beeinflusst werden – über die Verschreibung eines Medikaments entscheidet letztendlich immer noch der Arzt. Wirklich?

Fast wie in Molières „eingebildetem Kranken“ ging es zu, als die Autoren von Ärzten ein bestimmtes Medikament forderten. Walter und Kobylinski „versetzten sich in eine depressive Stimmung” und spielten zwei Neurologen Symptome einer Depression vor. Und tatsächlich, die Ärzte diagnostizierten in beiden Fällen die vorgegebene Störung. Die „Patienten“ verlangten daraufhin ein frisch zugelassenes Antidepressivum, zu dem es kaum Erfahrungen gab, von dem sie aber gehört hätten, dass es gegen Schlafstörungen helfe. Und wie bei Molière stellten die Ärzte, ohne lange zu zögern, Rezepte auf das gewünschte Medikament aus.

Auch an der Politik ist die Pharmaindustrie interessiert, wie die Recherchen der Autoren im Europaparlament in Brüssel zeigten. Dort gebe es eine Menge Lobbyisten, die für die Lockerung des Werbeverbots für Medikamente plädieren. Als Unterstützer der Pharmaindustrie wird Jorgo Chatzimarkakis vorgestellt. Er war zum Erscheinen des Buches Mitglied des Europaparlaments. Die Abneigung der Autoren gegenüber dem FDP-Politiker gipfelt in dem Satz: „Selten haben wir einen so arroganten Politiker erlebt.” Was sie damals noch nicht wussten: Nur wenige Monate nach Erscheinen ihres Buches wurde Chatzimarkakis’ Doktortitel wegen Plagiaten aberkannt.

Lobbyismus in Brüssel

Auch Patientenorganisationen sind von der Industrie unterwandert. Der europäische Brustkrebs-Dachverband „Europa Donna“ etwa existiert größtenteils von Pharmageldern.

Diese und andere Kapitel in Patient im Visier jagten dem Rezensenten einen Schauer über den Rücken. Ein guter Tatort ist selten spannender als die Enthüllungen von Walter und Kobylinski – mit dem Unterschied, dass der TV-Krimi Fiktion ist. Das Buch liest sich wie ein Roman; der schlichte Schreibstil gefällt und auch persönliche Empfindungen der Autoren kommen nicht zu kurz. Der Leser kann sich sehr gut in die Autoren hineinversetzen, wenn sie unter falscher Identität auftreten. Der gelegentlich erhobene Zeigefinger jedoch, der dem Leser anzeigt, wer gut und wer böse ist, wäre nicht nötig gewesen. Die Fakten sprechen für sich, und davon haben die Autoren zweifellos genug zusammengetragen.







Letzte Änderungen: 08.05.2017


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