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Buchbesprechung

Larissa Tetsch




Thea Dorn:
Die Unglückseligen.
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (26. Februar 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3813505987
ISBN-13: 978-3813505986
Preis: 25 Euro (gebunden), 20 Euro (eBook), 25 Euro (Hörbuch/MP3-CDs, ca. 19 Std.).

Die Rückkehr von (Frau) Dr. Faustus

Eine Altersforscherin versucht, den Tod abzuschaffen und trifft dabei auf einen unsterblichen Physiker des 18. Jahrhunderts. In einem fulminanten Ritt durch die Welt- und Wissenschaftsgeschichte sowie durch verschiedenste literarische Stilrichtungen erlebt der Leser das Scheitern einer Utopie und den Beginn einer zarten Liebesgeschichte.

Man muss das Skurrile, ja das Morbide mögen, damit einem dieses Buch gefällt. Auf dem Umschlag umarmt eine nackte Frau ein Skelett – keine Frage, hier geht es um den Tod und um die Unsterblichkeit. Thea Dorn entführt die Leser mit ihrem Roman Die Unglückseligen auf eine Reise in die „Extremen heutiger Biomedizin“ und zu den „Untiefen einer romantischen Seele“, so der Buchrücken.

Ja, es handelt sich um eine Liebesgeschichte und um einen Wissenschaftsroman – und um noch einiges mehr.

Sehnsucht nach Unsterblichkeit

Die aus unzähligen Strängen verwobene Handlung lässt den uralten Faust-Mythos wieder auferstehen. Johanna Mawet, Molekularbiologin und besessen von der Idee der Unsterblichkeit, verfolgt das ehrgeizige Ziel, den Alterungsprozess beim Menschen aufzuhalten und letztlich den Tod selbst abzuschaffen. Dazu erzeugt sie gentechnisch veränderte Mäuse, die Stammzellfaktoren aus Zebrafischen produzieren und dadurch eine verbesserte Regenerationsfähigkeit und eine verlängerte Lebensspanne aufweisen. Letztlich natürlich nur ein Vorversuch, sollen doch eigentlich menschliche embryonale Stammzellen durch die Fischgene aufgerüstet werden.

Während eines Forschungsaufenthalts in den USA kommt die erfolgsverwöhnte Wissenschaftlerin ihrem Ziel auf ungeahnte Weise plötzlich recht nah. Nicht so sehr wegen der Mäuse, die brav die entsprechenden Fischproteine produzieren, sondern vor allem durch die Begegnung mit einem scheinbar alterslosen, ein bisschen verwahrlosten und verwirrten Mann, dessen sie sich aus einem vagen Gefühl heraus annimmt. John, der bereits seit einigen Jahren in den USA lebt, entpuppt sich bald als der deutsche Physiker Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776 und gestorben angeblich bereits 1810. Doch Ritter kann nicht sterben. Wie ein Verfluchter geistert er seit Jahrhunderten durch die Weltgeschichte, auf der Suche nach Erlösung, die er immer wieder selbst durch gescheiterte Selbstmordversuche herbeizuführen versucht. Nach anfänglichem Unglauben ist Johannas Forscherdrang geweckt, zumal sie entdeckt, dass Ritter Gliedmaßen regenerieren kann wie der von ihr erforschte Zebrafisch. Woher stammen diese Eigenschaften? Hängen sie vielleicht mit den galvanischen Selbstversuchen zusammen, die Ritter als Physiker zur Zeit der Aufklärung unternommen hat? Oder hat stattdessen der Teufel seine Hand im Spiel? Gemeinsam machen sich die beiden Protagonisten auf, das Geheimnis zu ergründen und – Erlösung zu finden. Nur ist dies für Ritter der Tod, für Johanna dagegen die Unsterblichkeit.

Reise durch 250 Jahre

Die Unglückseligen steckt voller Einfälle, ist spannend, witzig, tiefgängig, sarkastisch, romantisch und makaber. Bereits ein erster Blick in den 560 Seiten starken Wälzer zeigt, dass hier im Grunde viele Bücher in einem einzigen vereint sind. Nicht nur liefert es einen Überblick über 250 Jahre Weltgeschichte, Naturwissenschaft und Literatur – Ritter war Weggefährte illustrer Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Clemens Brentano, Novalis und Johann Gottfried Herder – sondern experimentiert auch mit verschiedenen Stilrichtungen. So sind neben einem kurzen Comic auch Auszüge aus einem medizinischen Handbuch, einem Tagebuch, Versuchsprotokollen und einem Leitfaden zum Okkultismus in die Handlungsstränge eingeflochten – alles authentisch im Schriftbild und in der Diktion. Zudem sind die Kapitel abwechselnd aus der Sicht Johannas, Ritters und eines rätselhaften, allwissenden (?) Erzählers geschrieben, die in der Sprache stark kontrastieren. Spricht Johanna die Sprache unserer Zeit mit vielen Anglizismen und englischen Passagen, so steckt Ritter sprachlich noch mitten im 18. Jahrhundert. Die Identität des dritten Protagonisten bleibt rätselhaft, fast bis zuletzt.

Die Unglückseligen ist aber nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern auch ein Geschichtenbuch, in dem Hirsche und Fledermäuse eine eigene Stimme bekommen, in dem ganze Abschnitte in verschiedenen deutschen Dialekten geschrieben sind, in dem Mythen aufgegriffen werden. So scheint das Buch selbst irgendwie wie ein großes (und mutiges) Experiment.

Und die Wissenschaft? Ohne ins Detail zu gehen: Sie kommt in diesem Buch nicht zu kurz. Nicht nur erlebt der Leser die aufstrebende Physik der Aufklärung mit der Erforschung der Elektrizität – woran der als historische Persönlichkeit verbürgte Ritter übrigens unter anderem durch die Entwicklung der Ritterschen Ladungssäule als Vorstufe zur Batterie einen maßgeblichen Anteil hatte –, sondern er begleitet Johanna auch ins Ferdinand-Hochleithner-Institut in Wallensee am Wallensee. Zudem werden mit großer Detailgetreue Johannas durch Internationalität und Konkurrenz geprägtes Arbeitsumfeld, ihre biomedizinische Arbeits- und Denkweise sowie die unterschiedlichen Weltsichten des neuzeitlichen Physikers und der modernen Molekularbiologin vorgestellt.

Und die Liebesgeschichte? Gegen alle Widerstände werden die ungleichen Suchenden am Ende miteinander vereint. Wie, ist überraschend, ergreifend und soll hier natürlich nicht verraten werden. Die Unglückseligen sind ein Buch, das die Rezensentin gerne geschrieben hätte, wäre sie ihrer ersten Passion gefolgt und Schriftstellerin geworden.





Zur Person


Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) immatrikulierte sich als 20-jähriger an der Uni Jena im Fach Naturwissenschaften, studierte und experimentierte jedoch meist solo. 1801 entdeckte er die UV-Strahlen; sein Interesse am „Galvanismus“ führte um 1802 herum zum weltweit ersten Akku, der sogenannten „Ritterschen Ladungssäule“. Ritter, der unter anderem mit Goethe, Herder und Alexander von Humboldt korrespondierte, gilt ferner zusammen mit Theodor Grotthuß als Begründer der elektrochemischen Theorie. Verarmt und kaum fähig, seine sechsköpfige Familie zu ernähren, starb er 34-jährig, vermutlich geschwächt durch die von ihm durchgeführten galvanischen Selbstversuche.
WK







Letzte Änderungen: 14.09.2017


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