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Buchbesprechung

Sigrid März




Eckhard Bast:
Mikrobiologische Methoden – Eine Einführung in grundlegende Arbeitstechniken.
Taschenbuch: 472 Seiten
Verlag: Springer Spektrum; Auflage: 3 (12. Juni 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827418135
ISBN-13: 978-3827418135
Preis: 40 Euro (Taschenbuch)

Nich‘ Fisch, nich‘ Fleisch

Mehr Theorie oder mehr Praxis? Mehr Grundlagen oder mehr Kniffe für Profis? Ein Lehrbuch-Autor kanns nicht jedem recht machen, erst recht nicht jedem Rezensenten.

Paradox: Bevor der Leser lernt, wie er Mikroben isoliert und am Leben erhält, erfährt er erst einmal, wie er sie umbringen kann: Sterilisation mit dem Autoklaven, chemische Desinfektion, Abtöten mit UV-Licht. Tragisch – aus Mikrobensicht; aber wichtig für sauberes Arbeiten und Einhaltung der Biostoffverordnung. Autor Eckhard Bast erwähnt zudem, dass in einen Heißluftsterilisator ausschließlich Metall und Glas keimfrei gemacht werden sollten. Wer schon einmal eine Charge frisch gesteckter Pipettenspitzenkästen vom Metallrost prökeln durfte, weiß warum.


Angewandte Mikrobiologie: Blauschimmelkäse aus Rohmilch von Jersey-Kühen, produziert in St. Gallen – ausgezeichnet mit dem „World‘s Best Jersey Cheese Award 2010. Foto: Hubertl

Anschließend geht es dann aber doch zur Kultivierung von Mikroorganismen. Damit ist nicht die Anzucht bunt-schillernder Pelzkulturen auf der Salamipizza von vorletztem Dienstag gemeint, sondern Rezeptvorschläge, die Bakterien im Labor munden.

Mikroben zum Wachsen bringen

Saccharolytische Clostridien beispielsweise bevorzugen Kartoffelkulturen, weiß der Autor der Mikrobiologischen Methoden. Hierfür wird eine Kartoffel mehrfach eingestochen, die Löcher mit Gartenerde gestopft und das Ganze bei 35 °C bebrütet. Lactobacillus casei hingegen gedeiht bei etwa 30 °C auf Rogosa-Agar – falls Sie mal versuchen wollen, aus Yakult und Co. lebende Kulturen zu isolieren. Ein dazu praktikables Vereinzelungsprozedere mit Verdünnungsreihe und 13-Strich-Verfahren finden Sie ebenfalls im vorliegenden Praxiswerk. Einfrieren, trocknen und reaktivieren, das alles überstehen Mikroorganismen relativ unbeschadet, wenn man weiß, wies geht. Hier erfahren Sie es. Und wenn Sie Laborneuling sind, lernen Sie auch die „Bestimmung und Einstellung des pH-Werts einer Lösung“, ebenso wie Details zur Statistik mit zufälligem oder systematischem Fehler, Streuung, Mittelwert und Poissonverteilung. Fehlen darf auch nicht die Lichtmikroskopie inklusive Fixierungs-, Färbe- und neuerer Methoden wie der Fluoreszenzgramfärbung an lebenden Zellen. Konsequent wird auch hier auf eine umfangreiche (insbesondere in der Bildgebungsmethodik sinnvolle) Bebilderung verzichtet; nur hier und da sind sparsam Skizzen und Fotos in schwarz-weiß eingestreut. Dafür erfährt der Leser erneut reichlich Theoretisches wie das Köhlern, auch in­time Details zum Strahlengang im Epifluoreszenzmikroskop.

Der Untertitel „Eine Einführung in grundlegende Arbeitstechniken“ hatte die Rezensentin mental auf ein praxisbezogenes Methodenwerk eingestimmt. Aber so richtig Arbeitslust kam nicht auf. Für ein Methodenbuch gibt es zu viel Theorie und Hintergrund, für ein reines Lehrbuch zu viele Methoden. „Nich‘ Fisch, nich‘ Fleisch“‚ würde Oma abschätzig raunen.

Dieser Zwiespalt zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk: Größtenteils ist das Niveau der dargebotenen Informationen hoch. Theoretische Grundlagen gehen in die Tiefe, Vorschriften sind präzise bis pedantisch. Im Bonner Labor des Autors schallt kein knackiges ‚Kittel an!‘ über den Flur, sondern die Aufforderung, „bei allen Arbeiten sei ein sauberer, 1/1 langer (das Knie bedeckender), möglichst hochgeschlossener Laborkittel mit langen Ärmeln („OP-, Visitenmantel“) aus schwer entflammbarem, autoklavierbarem Gewebe (Baumwolle) zu tragen.“

So viel Zeit muss sein

Auf der anderen Seite trifft der Leser auf Banalitäten, die bei Menschen mit Laborerfahrung vermutlich nur Kopfschütteln hervorrufen. Wenn Ihnen das nächste Mal ihre Masterette schluchzend entgegen stürzt und beichtet, sie habe sich aus Versehen die Staph.-aureus-Kultur einverleibt, werden Sie dann sagen: „Aber im Bast-Buch steht doch eindeutig: ‚Infektiöses Material im Mund: nicht schlucken!‘?“

Anderes Beispiel: Dass man in einem x-beliebigen Labor seine Bakteriensuppe nicht mit dem Mund pipettiert, sollte jeden mit durchschnittlich viel gesundem Menschenverstand ausgestatteten Laborjünger klar sein, spätestens nach der obligatorischen und jährlich erneut eingebläuten Sicherheitseinweisung. Dennoch verliert sich Bast in vielen solcher Laborbasics.

Dagegen vermisst die Rezensentin eine umfassendere Vorstellung diverser Keime, die es zu kultivieren gilt. Diese werden nur beispielhaft abgehandelt. Mitgedacht hat immerhin der Verlag: Die praktische Ringbindung erlaubt es dem Anwender, gleichzeitig zu lesen und mit Mikroben zu hantieren, denn einmal aufgeschlagen bleibt das Buch in Position. Wenn der Experimentator vom Anfang der Methode bis zum Ende allerdings gefühlt 35-mal umblättern muss, ist dieser Vorteil dahin. Die Hälfte der Seiten (und Worte und Hintergrundinformationen) hätten für ein Methodenbuch sicherlich gereicht; alternativ wäre eine konsequente Unterteilung in Theorie und Methodenteil denkbar.

Mikrobiologische Methoden ist geschrieben für Jene, die sich auf ein Leben im Labor vorbereiten, aber noch nie eines betreten haben; etwa Laboranten und Technische Assistenten in den ersten Wochen ihrer Ausbildung oder vorlesungshörige Mikrobiologiestudenten zur Vorbereitung auf die nächste Klausur. Für alle anderen Theoretiker und Anwender gibt es passendere Bücher.







Letzte Änderungen: 09.11.2017


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