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Jetzt mal ehrlich

Eltern gehören unterstützt, nicht abgelehnt

Von Martin Ballaschk, Berlin


Innere und äußere Zwänge treiben Familienmenschen aus dem Wissenschaftsbetrieb. Wollen wir etwas dagegen unternehmen?

Kann ich gleichzeitig ein guter Vater sein und ein guter Wissenschaftler? Die endliche Zahl von Stunden wollen zwischen Familie und Beruf aufgeteilt werden. In der Wissenschaft ist das nicht anders als in anderen Karriereberufen. Wer, außer den Betroffenen selbst, hält jedoch überhaupt eine Vereinbarkeit von Familienleben und wissenschaftlicher Karriere für wünschenswert?

Knappe hundert Jahre ist es her, dass der Ökonom Max Weber in seinem legendären Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ diese als einen besonders harten Broterwerb beschrieb. Der Zufall bestimmt große Teile der täglichen Arbeit und morgen ist sie schon wieder überholt. Deshalb sind Fleiß, Hingabe und Innovationsfähigkeit nach seiner Auffassung die Grundpfeiler der wissenschaftlichen Karriere. Das ist nach fast hundert Jahren immer noch so, auch wenn sich die universitären Strukturen stark verändert haben.

Essays
Illustration: Tim Teebken

Nach wie vor ist Wissenschaft eine Hochdruck-Arbeitsumgebung. Hätte Weber in unsere Zeit schauen können, hätte er es für die wissenschaftliche Dystopie halten müssen. Immer noch lehren und forschen wir, aber anders als damals müssen wir exponentiell wachsende Literaturberge bewältigen, in Zeitschriften mit albernen großen Namen publizieren, in internen Evaluierungssystemen punkten, Drittmittel organisieren und uns mit der universitären Bürokratie herumschlagen. Mehr denn je müssen wir fleißig sein und über das normale Maß hinaus arbeiten.

Den Antrieb liefert die Faszination, die Beschaffenheit der Welt zu ergründen, unsere Erkenntnisse mit klugen Menschen zu diskutieren und sie an folgende Generationen weiterzugeben. Die nötige Hingabe bringen wir also ganz selbstverständlich mit, denn ohne Hingabe kann man kein Ideal verfolgen. Oftmals jedoch wird die eigene Hingabe von einer geforderten oder selbstauferlegten Selbstaufgabe erdrückt, die einem kaum Luft zum Atmen lässt. Das betrifft vor allem den wissenschaftlichen Nachwuchs in befristeten Positionen. Ein bizarres „Leistung ist Arbeit mal Zeit“ ist hier allzu häufig das Motto. Als Beispiel soll der berühmt gewordene Zwist zwischen dem Caltech-Professor Erick Carreira und seinem damaligen Postdoc Guido Koch dienen. Carreira warf Koch mangelnden Fleiß und Leistungsbereitschaft vor, denn er hätte an Wochenenden und Abenden nur wenig unbezahlte Mehrarbeit geleistet. Erholungsurlaub sei für Wissenschaftler in seinem Labor ohnehin tabu.

Das war 1996, aber selbst heute sind solch extreme Ansprüche die Regel. Ganz aktuell fordern Gruppenleiter völlig unrealistische 14 Stunden täglicher Arbeitszeit, oder auch dass typische wissenschaftliche Tätigkeiten (Schreibarbeiten, das Erstellen von Postern und Vorträgen, Lehrvorbereitungen und Lesearbeit) in die Freizeit zu verlegen seien. Die Erwartung ist klar: Hingabe allein reicht nicht mehr aus. Man soll sich und seine Gesundheit der Wissenschaft – oder besser für das Fortkommen der Elite im Wissenschaftsbetrieb – opfern. Schonungslose Selbstaufopferung wird von uns zelebriert und als Ideal verehrt – als wenn es nicht anders ginge!

Wenn die eigene Hingabe nicht mehr reicht, dann läuft etwas falsch. Wo bleibt da noch der Raum, um die Schönheit und Eleganz von Wissenschaft zu schätzen, ihren Nutzen für die Gesellschaft zu reflektieren? Was einzig noch zählt, ist das eigene Auskommen, ein gemeinschaftlich errungener wissenschaftlicher Wissenszuwachs ist nur noch von untergeordneter Bedeutung. Was vor allem in einem solchen bedrückenden Arbeitsklima verkümmert, ist die eigene Kreativität. „Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit“, stellte Weber fest – allerdings lässt einem zu viel Arbeit keine Freiräume zur Reflexion, für kreativen Leerlauf. Der Einfall lässt sich nicht erzwingen, wohl aber stimulieren, indem man einen Schritt zurücktritt und das Geleistete in einen neuen Rahmen setzt. Im Hamsterrad fallen einem keine revolutionären Ideen ein. Diese kommen, „wenn man sie nicht erwartet [...], und nicht während des Grübelns und Suchens am Schreibtisch“.

Dazu kommt, dass das akademische Prekariat durch die Kurzatmigkeit der wenigmonatigen Vertragsverlängerungen zu keinen großen Sprüngen mehr imstande ist. Der Trend ist dabei klar: die Doktorarbeit verkommt zum Gesellenstück, Doktoranden werden als verlängerte „Hände“ für die geistige Arbeit der Gruppenleiter aufgefasst, als willfährige Pipettiersklaven, die man mit dem Ideal der Wissenschaft blenden und anschließend verbrennen kann, weil sie ja immer wieder nachwachsen.

In diesem Klima haben es Eltern – besonders Mütter – nicht leicht, denn für die übermenschlichen Arbeitsleistungen oder die kreativen Phasen fehlt ihnen schlicht die Zeit. Teilweise lässt sich das durch unbarmherzige Optimierung und fokussierte Organisation des Alltags ausgleichen. Die Flexibilität der Arbeitszeiten an Unis und Forschungsinstituten wird hier zum echten Vorteil: Wo Schichtarbeiter/innen sich verzweifelt um eine Abendbetreuung kümmern müssen, können wir uns unsere Arbeitszeit dynamisch aufteilen. Aber jede Selbstoptimierung hat Grenzen, und niemand kann die kinderlose Konkurrenz daran hindern, sich ebenso zu optimieren.

Besonders ungünstig ist, dass die Zeit der Familiengründung mit der Qualifikationsphase zusammenfällt – also die Phase mit den intensivsten Arbeitsanforderungen und dem höchsten Wettbewerbsdruck. Zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig möchte der wissenschaftliche Nachwuchs nach der Doktorarbeit auch jede Menge Auslandsaufenthalte an Eliteeinrichtungen und den Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe bewerkstelligen. Wer sich nebenher um die Aufzucht des Nachwuchses kümmern muss, kann schnell ins Hintertreffen geraten.

Das Elternsein ist wie die Wissenschaft eine harte Schule. Selbst wer seinen Alltag bisher nicht durchorganisieren musste, lernt es spätestens, sobald ein Kind versorgt und in diverse Betreuungseinrichtungen gekarrt werden muss. Eltern lernen früh, mit extrem wenig Schlaf auszukommen, die Nerven auch in Extremsituationen zu behalten und Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Familiäre „Quality Time“ und der Umgang mit den eigenen Kindern ist mitunter durchaus ein Kreativitätsreservoir, aus dem man Ideen schöpfen kann. Das setzt natürlich voraus, dass man sich als Elternteil entfalten kann und sich aktiv in der eigenen Familie einbringt. Hier kommen gesellschaftliche Ansprüche und der soziale Druck ins Spiel. Wie viel Familie der Einzelne wirklich braucht, ist sicher individuell. Wer keinen besonderen Wert auf den nachhaltigen Kontakt mit dem eigenen Nachwuchs legt, mag völlig zufrieden sein, die Kinder lediglich an Wochenenden zu sehen und die stressige Organisation des Alltags dem (in der Regel weiblichen) Lebenspartner zu überlassen. Jeder kann sich frei für oder gegen ein gestriges Rollenbild entscheiden. Während es in den meisten gesellschaftlichen Kreisen inzwischen geächtet sein dürfte, ist es in der Wissenschaft indes noch weit verbreitet.

Wollen wir aber „echte“ Familienväter und -mütter in Professorenpositionen? Erkennen wir an, dass wir Familie und wissenschaftliche Karriere durchaus vereinbaren können, wenn wir ihnen etwas unter die Arme greifen? Oder legen wir jungen Eltern weiterhin Steine in den Karriereweg?

Das Gros der Promovierten emanzipiert sich von den akademischen Zwängen und wandert in außeruniversitäre Sektoren ab, der Anteil der zukünftigen universitär Festangestellten liegt im einstelligen Prozentbereich. Die akademische Laufbahn ist längst zur eigentlichen Alternativkarriere geworden. Das liegt nicht ausschließlich an der extremen Stellenknappheit im akademischen Mittelbau und in Professorenpositionen, sondern auch an der fehlenden Attraktivität des Wissenschaftsbetriebs. Er bietet immer weniger von dem, was ihn eigentlich auszeichnen sollte. Die meisten „failed postdocs“ sind selbst Jahre später zufrieden mit der Entscheidung, nicht weiter auf den vorgeblichen Traumjob in der Wissenschaft hingearbeitet zu haben. Selbsterfüllung, Kreativität und Autonomie findet man eher anderswo. So verliert der Wissenschaftsbetrieb massenhaft an Lehrtalent und Forscherpotenzial, große Teile der Bevölkerung stehen ihm so von vornherein nicht mehr zur Verfügung. Ein Verlust für die Wissenschaft, ein Gewinn für alle anderen.

Trotzdem wird den Fähigkeiten von Eltern, besonders Müttern und Frauen im Allgemeinen (also den „potentiellen Müttern“) misstraut. Der Großteil der männlich dominierten Professorenschaft hat die Familienarbeit erfolgreich auf ihre Frauen abgewälzt und erwartet das natürlich ebenfalls vom eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. Väter haben ihre Frauen, die sich um die Familienangelegenheiten kümmern. Müttern wird wissenschaftliches Arbeiten oft gar nicht erst zugetraut. Häufiger, als man glauben mag, werden Frauen mit Kindern und Schwangere diskriminiert. So kann es vorkommen, dass der Gruppenleiter schwangeren Angestellten eine Kündigung empfiehlt oder Kollegen für die Dummheit bedauert, eine Frau mit Kind eingestellt zu haben. Das alles natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, sich der indiskutablen Haltung bewusst. Wenn der Nobelpreisträger Tim Hunt offen über Frauen in der Wissenschaft herzieht, ist der öffentliche Aufschrei groß. Innerhalb der Community jedoch dürfte die Haltung vorherrschen, dass Hunt lediglich „unbequeme Wahrheiten“ äußerte.

Je höher man die Hierarchien hinaufschaut, desto dünner wird die Dichte an Frauen und Familienmenschen. Da Männer bevorzugt Männer einstellen, verstärkt sich der Effekt weiter. Nicht zuletzt sind Frauen auch in Doppelkarrieren benachteiligt, denn tendenziell werden die Karrieren der Männer immer noch als wichtiger wahrgenommen. Dass Frauen in den Naturwissenschaften so stark unterrepräsentiert sind, ist wohl nicht ausschließlich in der Familienfrage begründet, sie spielt aber dennoch eine große Rolle.

So ist die Familienunfreundlichkeit der Branche nur ein Symptom eines viel tiefer sitzenden Problems. Die heutigen Leistungsmaßstäbe führen eben nicht dazu, dass nach Exzellenz selektiert wird. Wir fördern die lauten Selbstvermarkter, die egoistischen Ausbeuter, die Selektiv-Publizierer, im Extremfall eben auch die Hochstapler, Abschreiber und Fälscher. Leise, bescheidene Introvertierte etwa bringen es nicht weit, weil es ihnen an der typischen Selbst­überschätzung und Rücksichtslosigkeit der Professorenschaft mangelt. Ein Überdenken der schablonenhaften Maßstäbe, nach denen heute wissenschaftliche Arbeit und Leistungsfähigkeit bewertet wird, wäre lohnenswert. Nicht immer sind die Zahlen der Drittmittelanträge, „High-Impact“-Publikationen und verbrannten Doktorandinnen und Doktoranden verlässliche Indikatoren für gute Wissenschaft.

Die offensichtliche Frage, die nun im Raum steht: Wenn alles so schlecht ist, was können wir dagegen tun? Die innere Motivation, etwas zu ändern, ist freilich gering. Die Entscheider, die die Umstände als gottgegeben für sich selbst vorteilhaft erlebten, sind ihrer progressiven Lebensphase in der Regel längst entwachsen und versuchen ihrem Umfeld den eigenen Lebensentwurf aufzustempeln. Weil am Wissenschaftsbetrieb ein halbes Jahrhundert verändertes Familienbild spurlos vorbeigezogen ist, ist der nötige Wertewandel umso fundamentaler.

Dieser Wertewandel muss zuallererst von innen her kommen. Hier könnte etwas Entkrampfung guttun. Carreiras Postdoc hat seine „Faulenzerei“ am Caltech nicht am Aufstieg gehindert: Heute leitet Koch eine Abteilung bei Novartis. Auch Postdocs, die am Nachmittag ihre Kinder von der Kita abholen, können gute Papers schreiben. Die entstehen dann eben eher in den Abendstunden. Es gibt sie ja, die bodenständigen Professoren und Gruppenleiter, die ein freundschaftliches Verhältnis mit Mitarbeiter/innen pflegen und ihnen Freiräume lassen. Längst nicht alle sind solche Schinder wie Carreira und erkennen an, dass Leitungsfähigkeit und Elternsein sich nicht ausschließen. Sie sind in der Regel auch nicht weniger erfolgreich als ihre verbisseneren Kollegen – aber unweit beliebter bei Postdocs und Doktorand/innen. Die Bereitschaft der Führungsebene, auch familiäre Belange als wichtig anzunehmen, muss sich in der Breite durchsetzen. Wer Frauenfeindlichkeit und überzogene Arbeitsforderungen im Kollegium miterlebt, muss sich einmischen, diese Missstände verstärkt ansprechen und sozialen Druck ausüben. So kann sich langfristig etwas ändern.

Ohne den Druck von außen geht es allerdings auch nicht. Und hier stimmen die Vorzeichen hoffnungsvoll. Die Familienförderung ist politisch gewollt, das BMBF etwa formuliert es als „übergeordnetes Politikziel“. Im EU-Forschungsrahmenprogramm werden erfolgreiche Frauen mit einem „Innovators Prize“ bedacht, die Robert-Bosch-Stiftung und die Nüsslein-Volhard-Stiftung fördert gezielt Frauen oder Frauen mit Kindern. An Universitäten und Forschungsinstituten gibt es Initiativen, die Eltern das Leben leichter machen sollen: so gibt es gezielte Kinderbetreuungsangebote für Wissenschaftler/innen, Dual Career Services, Unterstützung durch technisches Personal speziell für junge Eltern, oder sogar Babysitter für kranke Kinder wie an der Princeton University. Das sind alles wichtige und zukunftsweisende Maßnahmen auf dem Weg in ein familienfreundlicheres Forschungsklima.

Also: gleichzeitig für seine Familie da zu sein und wissenschaftlich Erfolg zu haben, ist nicht unmöglich. Wir sind auf das geistige Kapital der Elternschaft angewiesen, das wurde auf politischer Ebene erkannt. Solange eine Familie innerhalb des Systems jedoch nicht als Normalität wahrgenommen wird und der akademische Arbeitssektor sich immer weiter von seinen Idealen entfernt, kann sich nichts nachhaltig ändern.

Martin Ballaschk bloggt in seinem SciLog „Detritus“ über Wissenschaft und fühlt sich als Doktorand in einer familienfreundlichen Arbeitsgruppe eines Berliner Forschungsinstituts eigentlich sehr gut aufgehoben.


Letzte Änderungen: 07.07.2015

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