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Jetzt mal ehrlich

Warum in Schweden vieles einfacher geht

von Eva-Maria Diehl, Umeå


Forscher leben mit Leidenschaft für ihre Arbeit – da gibt es keinen Unterschied zwischen Schweden und ihren internationalen Kollegen. Und doch sind schwedische Forscher anders. Speziell in Norrland, Nordschweden, wo allein schon die großen räumlichen Distanzen eine Herausforderung darstellen.

Essays
Illustration: Tim Teebken

Erst ruht die Natur, und die Menschen stehen die dunkle und kalte Zeit mit mys durch, gemütlichem Zusammensein und vielen Kerzen und Fensterlichtern. Hin und wieder wird man durch wunderschönes Nordlicht mit der Dunkelheit versöhnt. Ab der Wintersonnenwende Ende Dezember werden die Tage wieder länger, und wenn im März der vårvinter, Frühling-Winter, kommt, sind die Tage zwar noch immer sehr kalt, doch sehr rasch immer länger hell. Im Mai ist dann endgültig der Schnee weggeschmolzen, und man hätte jetzt gerne „richtigen“ Frühling: mit Krokussen, Tulpen, und frischen grünen Blättern. Doch üblicherweise tut sich erstmal lange nichts. Dann plötzlich, innerhalb von nur einer Woche, ist der Sommer da, und während die Tulpen noch blühen, verbreitet der Löwenzahn schon seine federleichten Samen.

Die Natur prägt die Menschen, nicht nur die Menschen die Natur.

Die Beschluss- und Besprechungskultur an meinem Arbeitsplatz, der Universität im nordschwedischen Umeå, erinnert mich an den extrem schnellen Einzug des Sommers. Lange hat man den Eindruck, dass sich gar nichts tut, doch dann geschieht manches mit einer unglaublichen Schnelligkeit und Effizienz. Auch internationale Bewerber auf ausgeschriebene Stellen in Schweden erzählen von dieser langen „Sendepause“, in der man schon nicht mehr mit irgendeiner – schon gar nicht mit einer positiven – Antwort aus Schweden rechnet. Und dann kommt plötzlich eine Einladung zum Interview oder gar ein Stellenangebot.

Ich weiß nicht, ob diese plötzliche „Beschlussexplosion“ das Leben in Schweden einfacher macht. Man eckt an mit seiner deutschen Gründlichkeit, die gerne auch während der „Ruhephase“ Aktivität einfordert. Also passt man sich an und gewöhnt sich an die scheinbare Passivität – und läuft Gefahr, genau diese eine, wichtige E-Mail zu verpassen, die mal kurz über eine ausschlaggebende Entscheidung informiert.

Die Universität Umeå ist nach den bekannten Universitäten Uppsala, Stockholm, Lund und Göteborg die Nummer 5 in Schweden. Die junge Universität feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Es ist eine Campus-Universität nach amerikanischem Vorbild. Viele Studentenwohnungen liegen in direktem Anschluss an den Campus. Die sogenannte Voll-Universität hat rund 35.000 Studenten, 4.300 Angestellte und 365 Professoren, davon ein Drittel weiblichen Geschlechts. Die Universität Umeå und das Klinikum Norrlands Universitetssjukhus versorgen ganz Norrland mit Forschungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und spezialisierter Krankenpflege. Norrland, das ist Nordschweden. Flächenmäßig etwa das halbe Land, bevölkerungsmäßig rund ein Achtel aller Schweden. Mit den großen Distanzen zu leben und zu arbeiten ist eine Herausforderung. Das Verwaltungsgebiet des Bezirks Västerbotten, in dem Umeå das Zentrum bildet, reicht von Lappland an der norwegischen Grenze bis zur Küste des Bottnischen Meerbusens.

Man sagt, dass Forscher mit Leidenschaft für ihre Arbeit leben. Da gibt es keinen Unterschied zwischen schwedischen Wissenschaftlern und internationalen Kollegen. Und doch sind die schwedischen Forscher anders. Sie räumen dem Leben außerhalb der Uni mehr Platz ein, welches eben diesen intensiven, aber kurzen Sommer hat, der zum Aufladen der Batterien genutzt werden muss. Deshalb wird die Universität im Juli dicht gemacht. Mindestens vier Wochen lang läuft gar nichts. Alle sind im Ferienhaus und pflegen ihr Familienleben. In Norrland gibt es dann noch eine weitere Pause in der ersten Woche im September, wenn die Elch-Jagd beginnt.

Der Sommer beginnt eigentlich mit der Schulabschlussfeier, dem letzten Schultag Mitte Juni, an dem die Eltern sich von der Arbeit frei nehmen, um den Aufführungen ihrer Kinder beizuwohnen. Besonders groß wird der studenten gefeiert: der Tag, an dem die Abiturienten im Beisein ihrer Familien aus der Schule entlassen werden. Die Kinder zu feiern ist ein wichtiger Bestandteil der schwedischen Gesellschaft, die ihren Nachwuchs als das höchste Gut betrachtet.

Das macht das Leben für Wissenschaftler in Schweden einfacher. Es ist völlig akzeptiert, dass man sich um seine Familie und seine Kinder kümmert. Besprechungen werden am Terminkalender dagishämtning, den Abholungszeiten von der Kita, ausgerichtet. Auch Großväter nennen einen Terminkonflikt in dieser Hinsicht mit größter Selbstverständlichkeit und ernten Verständnis, kein Lächeln oder Spott.

In keinem anderen Land können Väter und Mütter Kinder und Beruf so gut miteinander kombinieren. Eltern von Kindern ab 8 Monaten bis 12 Jahre können bis zu 120 Tage pro Kind und Jahr vabba (schwedisch: vård av barn), zu Hause bleiben und ihr krankes Kind pflegen, mit Gehaltsausgleich, der von der Krankenversicherung bezahlt wird. Dieser Gehaltsausgleich steht auch Partnern eines Elternteiles zu, die mit einem kranken Kind zusammenleben und nicht leibliche Eltern sind.

Die Universität in Umeå war lange Zeit die linke Universität in Schweden, an der flache Hierarchien noch stärker ausgeprägt sind als an anderen Universitäten. Mittlerweile sind die politischen Aktivitäten der Studenten allerdings dem Partyspaß gewichen, und die Akademie veranstaltet zweimal jährlich zeremonielle Feste zur Ehrung ihrer Promovenden und der feierlichen Einsetzung neu berufener Professoren. Die linke Universität pflegt jetzt Traditionen.

Doch bei der täglichen wissenschaftlichen Arbeit zwischen den Instituten, Fakultäten und Forschungszentren herrschen keine verstaubten Sitten. Hier dominiert ein unglaublicher Kooperationsgeist, der von Pragmatismus und Effizienz geprägt ist. Vor 16 Jahren wurde hier das Kemiskt Biologiskt Centrum, KBC, gegründet – mit dem Ziel, interdisziplinäre Kooperationen auf allen Ebenen zu fördern. Ein Zentrum für Forschung und Lehre in den Lebens- und Materialwissenschaften, das sich von „unten nach oben“ an den Bedürfnissen der Forschung orientiert. Rund 850 Wissenschaftler, Lehrkräfte, technische und administrative Assistenten arbeiten in Forschung und Lehre zusammen.

Den Kern der Kooperation bildet eine Leitungsgruppe, die sich ganz einfach „KBC-Gruppe“ nennt und einmal im Monat zusammenkommt. Hier werden vor allem strategische Absprachen getroffen, die entscheidend für die Entwicklung von wissenschaftlichen Infrastrukturen, Doktorandenausbildung und Postdoc-Programmen sind. Vertreter der relevanten Institute der Universität Umeå und der Landwirtschaftlichen Universität überwinden die Mauern zwischen Instituten, Fakultäten und Universitäten. Offen werden Fragen diskutiert, die an vergleichbaren Forschungseinrichtungen außerhalb Schwedens eher verschwiegen behandelt werden. Statt Konkurrenz wird Kooperation groß geschrieben.

Die begrenzten ökonomischen Ressourcen, die Politiker in Stockholm nach Nordschweden fließen lassen, werden dort in beispielloser Effizienz verwaltet und eingesetzt. Gemeinsames Ziel ist es, die besten Core Facilities für alle Institute und Forschungskooperationen in den Lebenswissenschaften aufzubauen. Die verschiedenen Service-Ebenen – „Core Facilities“, „Technical Platforms“ und „User Groups“ – hat man definiert und Kriterien für Qualitätskontrolle und Service festgesetzt. Nach nur vier Jahren sind die gemeinsamen Infrastrukturen die Hauptaktivität am KBC. Wichtige, kostspielige Geräte werden gemeinsam eingekauft, Personal gemeinsam angestellt, Räumlichkeiten gemeinsam gemietet und verwaltet, gemeinsame IT-Lösungen und sonstiger technischer Service organisiert. Zusammen werden Förderanträge gestellt und Strategien für Weiterentwicklung und Bedarf entworfen.

Somit können nun biogeochemische Forschung, medizinische Forschung, Pflanzenbiotechnologie und Umweltforschung die gleichen Core Facilities nutzen und sich Personal und Analysegeräte teilen.

Einige der Core Facilities sind mit ihrer schnellen und effektiven Organisation wichtige Kooperationspartner von Infrastrukturen anderer Universitäten, und gemeinsam wurden große Fördersummen der wichtigsten privaten Stiftung Schwedens, der Knut and Alice Wallenberg Foundation, an Land gezogen.

Statt großer Verwaltung, Gremienarbeit, umständlichen Absprachen und Besitzstandswahrung prägt hier der Geist der interdisziplinären Kooperation die tägliche Arbeit. Schnell und flexibel kann man sich auf neuen Bedarf einstellen.

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Illustration: Tim Teebken

Ein Beispiel: Die KBC Core Facility „Swedish Metabolomics Centre“ (SMC) wird offiziell von der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Swedish University of Agricultural Sciences, SLU, verwaltet. SMC wurde ursprünglich am Umeå Plant Science Centre, UPSC, etabliert. SMC befindet sich in den Räumen des UPSC und ist offiziell Teil des Department of Forest Genetics and Plant Physiology. Die Leitung des SMC teilen sich Thomas Moritz, ein Pflanzengenetiker, und Anders Nordström, Molekularbiologe der medizinischen Fakultät. Der Manager, Jonas Gullberg, ist promovierter Pflanzenphysiologe, der aus einem Biotechnologie-Unternehmen zurück an die Universität geholt wurde. Zum Personal gehören sowohl promovierte Wissenschaftler als auch festangestelltes technisches Personal aus allen relevanten Forschungsgebieten der beiden Universitäten. KBC stellt die nötige IT-Struktur zur Verfügung, mit notwendiger Unterstützung des Rechenzentrums der Universität. Krebs- und Infektionsforscher teilen sich die Massenspektrometer mit Pflanzenphysiologen. Das Metabolomik-Zentrum berät Wissenschaftler bereits bei der Planung der Experimente. Die direkte personelle Vernetzung mit einer weiteren KBC Core Facility, dem „Computational Life Science Cluster“ (CliC), sorgt auch für die entsprechende Kompetenz bei der Auswertung und Aufarbeitung der Ergebnisse.

Gibt es Fragestellungen, die beim SMC nicht gelöst werden können, wird man direkt an die nächste Core Facility verwiesen, etwa ans „NMR for Life“, das – nur einen Korridor entfernt im Department of Chemistry – die größte NMR-Ausstattung im nördlichen Skandinavien beherbergt und eng mit dem NMR-Zentrum in Göteborg zusammenarbeitet.

Eine große Ausschreibung in der Elektronenmikroskopie wird momentan rea­lisiert. Gemeinsam mit dem SciLifeLab in Stockholm wird ein Zentrum der Elektronenmikroskopie aufgebaut, wiederum gefördert von der Wallenberg-Foundation und mit entsprechender Kofinanzierung durch die Universität Umeå. In nur zwei Jahren werden ein kaum genutztes Gebäude umgebaut und drei neue Elektronenmikroskope installiert werden. Die komplizierten Ausschreibungsregeln der EU werden gemeistert, indem die Wissenschaftler die Einkaufsexperten der Universität von Anfang an mit in den Planungsprozess integrieren. Diese erkennen dadurch die Wichtigkeit einer schnellen und effizienten administrativen Arbeit und sehen sich als wichtige Unterstützung der Wissenschaft.

Dieses interdisziplinäre Kemiskt Biologiskt Centrum ist natürlich ein attraktiver Arbeitsplatz für Postdocs. Nicht nur ein gemeinsames Postdoc-Programm zieht die Interessenten nach Umeå – es sind die vielfältigen und breiten Möglichkeiten, an denen man seine Ideen testen und neue Projekte starten kann. 2010 landete die Universität Umeå beim Ranking des Magazins The Scientist auf Platz vier als „Best Place to Work for Postdocs“ der Institute außerhalb der USA. Die Kurse, die die KBC Core Facilities für Doktoranden anbieten, sind auch offen für Postdocs.

Das Konzept „KBC Umeå“ ist mit einem Puzzle zu vergleichen: Jeder kleine Schnipsel muss wissen, dass er zum großen schönen Bild beiträgt. Durch die flache Hierarchie wissen alle, dass sie wichtig sind und man auf sie nicht verzichten kann. Sie wissen, dass sie nur durch Kooperation eine Chance haben, an der Peripherie Europas zu „überleben“. Die einfachen Lösungen liefern vielleicht weniger Prestige, sind aber häufig erfolgreicher.

Eva-Maria Diehl ist Informationsbeauftragte am Chemical Biological Centre KBC der Universität Umeå in Schweden.


Letzte Änderungen: 07.07.2015

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