Information 4
Information 5
Information 6

"Mehr Licht"

Was wir von E. coli lernen können

Von Peter Nick, Karlsruhe


Bringt nur die „Schwarmintelligenz“ kollektiver Forschungsverbünde Exzellenz hervor? Nicht selten sind „anarchische Einzelfische“ entscheidender.

Essays
Illustration: Fotolia / freshideas

In den Universitäten landauf und landab scharren schon alle mit den Hufen: die neue Runde der Exzellenzinitiative wirft ihre Schatten voraus. Diesmal geht es wohl nicht nur um eine auf ein paar Jahre begrenzte Aufstockung von notorisch klammen Forschungsbudgets, sondern um die Chance, die finanzielle Ausstattung für die eigene Forschung nachhaltig zu verbessern. Auch wenn viele Details dieser neuen Initiative noch im Fluss sind, auch wenn Exzellenz in der Lehre wohl wieder einmal außen vor bleibt, und auch wenn die Geldflüsse, um die es geht, sicherlich nicht mal ansatzweise ausreichen werden, um den bewunderten Vorbildern Stanford oder Harvard die Stirn zu bieten – eines ist jetzt schon klar: Exzellenz wird vor allem als kollektive Veranstaltung verstanden. Forschungsverbünde, sogenannte Cluster, stehen im Mittelpunkt. Wer es schafft, genügend solcher Verbünde auf die Beine zu stellen, hat gute Karten. Großforschungseinrichtungen wie die Helmholtz-Gemeinschaft machen es ja schon lange vor: unter dem Titel „Programmorientierte Forschung (POF)“ werden dort oft finanzschwere Fünfjahrespläne für Forschung auf den Weg gebracht.

Die Idee dahinter: durch Bündelung von Forschungsarbeit, durch Konzentration auf bestimmte Themen und durch strategisch platzierte Investitionen in Personal und Geräte sollen möglichst viele Synergien freigesetzt werden. Man forsche einfach schneller, besser, effizienter und profitiere auf diese Weise von der Win-win-Situation, die sich aus solch einem Verbund ergibt,... Und was man eben an derlei Ökonomensprech sonst noch zu hören bekommt.

Möglicherweise stimmt das sogar. Immerhin geht es ja um Steuergelder – und dass diese möglichst wirtschaftlich eingesetzt werden sollen, findet vermutlich allgemeine Zustimmung. Die Gretchenfrage dabei: Wie findet man die richtige Strategie, nach der man die Verteilung von Geldern entsprechend steuert? Im Grunde gibt es dafür zwei Wege, die man neudeutsch mit den Begriffen Top down oder Bottom up bezeichnet. Entweder kommt ein Präsidium nach mehr oder minder tiefschürfender Bestandsaufnahme und Diskussion mit dem Aufsichtsrat zum Schluss, welche Themen auf das Schild gehoben werden sollen. Oder ein paar erfolgreiche Personen grübeln über den Namen des Schirms, der alle überspannt, der unter diesem Namen noch nicht woanders aufgespannt wurde, der irgendwie spezifisch klingt, aber andererseits vage genug bleibt, um möglichst viele Gruppen darunter platzieren zu können. Ganz egal, welchen dieser beiden Wege man geht – es wird immer Wissenschaft geben, die da ziemlich gut reinpasst.

Und es wird unweigerlich Wissenschaft geben, die zwar auch sehr gut ist, aber nicht so ganz unter den Schirm passt. Hier benutzt man dann eben – frei nach Jürgen Habermas – den transzendentalen Zwang der besseren Förderung, um die nicht ganz so zum Thema passende Forschung passend zu machen. Ähnlich wie ein Fischschwarm dadurch seine Form erhält, dass die einzelnen Fische auf den Nachbarn schauen, gleichen sich die einzelnen Forschungsgruppen soweit aneinander an, bis daraus eben ein Schwarm entsteht, den man Forschungscluster nennen kann.

Ist das eigentlich schlimm? Schwarm­intelligenz ist in der Evolution mehrfach entstanden – aus dem einfachen Grund, dass ein Schwarm effizienter ist als ein Haufen anarchisch in verschiedenen Richtungen vor sich hin forschender „Einzelfische“. Und außerdem wird ja kein Fisch dazu gezwungen, mit dem Strom zu schwimmen. Es steht ihm jederzeit frei, den Schwarm zu verlassen und seine eigenen Wege zu gehen. Die Überlebenschancen sind dann freilich deutlich geringer.

Nun wird eine Forschungsgruppe, die nicht den Weg in ein Cluster gefunden hat, natürlich nicht gleich vom Weißen Hai verspeist. Schließlich haben wir in Deutschland ein gut entwickeltes System der freien Einzelförderung – ein System übrigens, um das uns viele andere Länder beneiden. Freilich stellt sich schon die Frage, was mit diesem System der freien Einzelförderung geschieht, wenn doch erhebliche Geldflüsse in eher kollektive Systeme der Forschungsförderung umgelenkt werden. Sollen wir „anarchische Einzelfische“ überhaupt zulassen, wenn „Forschen im Schwarm“ doch ungleich effizienter ist?

Abgesehen davon, dass diese Argumentation eine Art „naturalistischer Fehlschluss“ wäre, gibt es gute Gründe dafür, die „anarchischen Einzelfische“ gewähren zu lassen – ja sogar, sie stärker zu fördern als das momentan geschieht.

Warum? Weil Wissenschaft im Grunde genommen ein Suchprozess ist. Gesucht wird nach etwas, was man unglaublich altmodisch als „Wahrheit“ bezeichnen könnte. Gesucht wird nach Antworten auf Fragen, die vorher durch andere Antworten auf andere Fragen aufgetaucht sind. Gelegentlich kommt man bei dieser Suche an Lösungen vorbei, die das Leben der Menschen vereinfachen – man heilt Malaria (schön wär‘s!) oder Aids, man fliegt zum Mond oder findet heraus, wie man seine Mitmenschen effizienter ins Jenseits befördern kann. Das ist aber nicht der Grund, warum sich Wissenschaft auf den Weg gemacht hat. Wir betreiben Wissenschaft, weil wir wissen wollen, wie die Welt um uns herum aussieht und funktioniert.

Wenn man nicht so genau weiß, wo es hingeht, muss man eben suchen. Wissenschaft ist eine Art metaphysisches Topfschlagen: So lange es warm und wärmer wird, so lange ist es sinnvoll, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen (und hier kann Schwarmintelligenz durchaus sinnvoll sein, weil Wissenschaft letztlich ein sozialer Prozess ist). In dem Moment, in dem das Publikum jedoch „Kälter“ ruft und man folglich auf dem Holzweg ist, muss man die Richtung ändern – und gerade hier sind die „anarchischen Einzelfische“ dann ganz hilfreich. Sie sind nämlich die Kundschafter, die womöglich einen neuen Weg aufspüren können.

Auch so was funktioniert in der Evolution neben dem Schwarmverhalten erstaunlich gut. Die vermutlich nicht sehr vernunftbegabten Bakterien tun nämlich dasselbe, wenn sie den Standort oder besser Liegeort der Fliegenleiche erschnüffeln: geradeaus schwimmen, solange die Konzentration des Lockstoffs steigt – und durch Rückwärtsdrehen der Geißel zu zufälligem Taumeln wechseln, wenn die Konzentration des Lockstoffs sinkt. Damit das ganze System erfolgreich funktioniert, muss man folglich nicht nur geradeaus schwimmen können, sondern der Kniff liegt auch darin, wie man taumelt.

Den Moment zu erspüren, in dem die Natur „kälter“ sagt, dann den Mut zu haben, die eingeschlagene Bahn zu verlassen, quer zum Strom zu schwimmen und zu taumeln – das sind genau die Punkte, an denen sich Wissenschaft weiter entwickelt. Gute Wissenschaft heißt, auf gekonnte Weise scheitern können. Und merkwürdig: das Wort „effizient“ wirkt hier irgendwie fehl am Platz...

Was sich in Milliarden Jahren Evolution auf diese Art bewährt hat, ist vielleicht auch für die Forschungsförderung in Deutschland ein taugliches Modell: Wenn man die über „Schwarmintelligenz“ gefundenen Themen in exzellenten Clustern fördert, sollte man das „Taumeln“ nicht vergessen. Dafür braucht man ein paar (meiner Meinung nach nicht zu wenige) „anarchische Einzelfische“, die den Raum in ganz anderen Richtungen erkunden als der Rest des Schwarms. Auch wenn es auf den ersten Blick als nicht sehr effizient erscheint, muss man diese am Leben lassen – nicht nur als Maßnahme des Naturschutzes, sondern aus purer Überlebensintelligenz. Denn manchmal können auch ganze Schwärme (siehe etwa Lemminge) in die Irre gehen.

Peter Nick ist Professor für Molekulare Zellbiologie am Botanischen Institut des Karlsruhe Instituts für Technologie (KIT)


Letzte Änderungen: 12.07.2016

Impressum | Datenschutz | Haftungsausschluß

© 1996-2016 LJ-Verlag GmbH & Co. KG, Freiburg, f+r internet agentur, Freiburg,
sowie - wenn nicht anders gekennzeichnet - bei den jeweiligen Autoren und Fotografen.