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20 Jahre Laborjournal

Bewegte Zeiten

von Hanns Frohnmeyer, Pfäffikon


20 Jahre deutsche Biotechnologie am Kapitalmarkt: ein Blick zurück nach vorne.

Im Jahr 1994 eine Zeitschrift mit dem Thema Labor zu gründen ist aus heutiger Sicht eine großartige Idee gewesen. Meine damaligen Studienkollegen Hanspeter Sailer und Kai Herfort wagten den riskanten und damals wenig beschrittenen Weg raus aus der Universität. Sie gründeten eine Zeitschrift, die ein Sprachrohr für Laborangestellte, aber auch eine Plattform für neue Technologien in den Lebenswissenschaften und für die dazugehörige Industrie sein sollte. Die Finanzierung sollte primär über Werbung erfolgen. Ebenso war an eine an Google angelehnte Suchplattform und ein damals revolutionärer Internetauftritt geplant, der aber an technischen Hindernissen scheiterte.

Es war die richtige Zeit für eine Zeitschrift mit dem Thema Labor, da es auch die Zeit vieler revolutionärer Technologie-Entwicklungen war, die damals ihren Weg ins Labor fanden. Vor allem die große Anzahl neuer Kits, die bis dahin mühsame und langwierige molekularbiologische Arbeiten vereinfachte und einen beträchtlichen Zeitvorteil mit sich brachte (etwa zur DNA-/RNA-Aufbereitung), fand bei den Lesern reges Interesse. Das Interesse der akademischen Welt wurde zudem mit der Einführung eines Publikations-Rankings in verschiedenen Subdisziplinen der Lebenswissenschaften geweckt.

Nicht nur das Laborjournal hat sich in zwanzig Jahren verändert, auch die Biotech-Industrie hat stürmische Zeiten hinter sich. Im Folgenden werden diese Entwicklungen in Deutschland im Vergleich zu den USA als Überblick wiedergegeben.

In den USA fand die kommerzielle Biotech-Branche bereits in den 1980er Jahren Beachtung. Eine erste Gründungswelle erfolgte an der Ost- und Westküste: Risikokapital floss reichlich in die jungen Unternehmen, die Hormone und Wachstumsfaktoren biotechnologisch herstellen und als Medikamente verkaufen wollten. Der Zugang zu den Kapitalmärkten war damit offen und die fortschrittsgläubigen Amerikaner waren bereit, in diese neue Branche auch an der Börse zu investieren.

Im Gegensatz dazu fand Biotechnologie in Deutschland fast ausschließlich im Labor statt. Die Kommerzialisierung der Branche setzte erst etwa zehn Jahre nach den USA ein. Diesen Rückstand haben wir hier bis heute nicht aufgeholt – im Gegenteil: Er scheint sich sogar vergrößert zu haben.

Börsengänge dienen Biotechnologie-Unternehmen in erster Linie dazu, sich mit neuen Finanzmitteln einzudecken, die die nächste Entwicklungsstufe im Unternehmen sichern soll. Auch in den USA gab es in den 1980er Jahren viele Unternehmen, die insolvent gingen, weil das Management Fehler gemacht hatte, eine falsche Strategie verfolgt wurde oder Produkte in der Entwicklung scheiterten. Das heute zu den Branchenführern gehörende Biotechunternehmen Amgen stand in den 1980er Jahren kurz vor der Pleite. Genentech wiederum, die damalige Nummer zwei der Biotechbranche, wurde vom Pharmakonzern Roche gerettet: Die Schweizer übernahmen 49 Prozent am US-Unternehmen. Inzwischen gehört Genentech sogar vollständig zu Roche; mit Hilfe der Onkologie-Produkte aus den Genentech-Laboren sind die Eidgenossen zum zweitgrößten Pharmaunternehmen der Welt aufgestiegen.

Wir lernen daraus: Rückschläge schaden der Branche also prinzipiell nicht.

Die Biotechbranche – die amerikanische, aber erstmals auch die deutsche – erlebte ab 1998 einen Schub und es kam mit der „Genomic Revolution“ zum ersten Hype. Auch deutsche Unternehmen wagten auf Grund der guten Branchenstimmung und der erhöhten medialen Aufmerksamkeit den Gang an die Börse und wurden zu Aktiengesellschaften. Sie erreichten bis zum Jahr 2000 exorbitante Bewertungen – in den USA wie in Deutschland. Biotech­unternehmen zählten neben Internet- und Computer­technologiewerten zur „New Economy“; es wurde ein „Neuer Markt“ für technologieorientierte Unternehmen gegründet und alle dort anwesenden Teilnehmer – Unternehmen, Investoren und die Banken – waren wie im Rausch ob der ungeahnten Höhenflüge, an denen alle Beteiligten viel Geld verdienen konnten. Auch Privatinvestoren wurden, getrieben von ersten Erfahrungen mit der Telekom-Aktie, angesprochen zu investieren und konnten ihre Investitionen vervielfachen.

Deutsche Biotechnologie-Unternehmen gehörten zur Jahrtausendwende zu den Stars am Neuen Markt und erlebten abenteuerliche Kursverläufe. Plattformunternehmen wie Cybio (Hochdurchsatz-Screening) und Morphosys (Antikörper-Produktion) wurden mit mehreren hundert Millionen Euro bewertet, obwohl sie fast keinen Umsatz machten und weit von der Profitabilität entfernt waren. Bei diesen Unternehmen wäre angesichts ihres damaligen Entwicklungsstandes ein „Enterprise Value/Sales-Verhältnis (EV/Sales) von höchstens 5- bis 6-fach angemessen gewesen – und nicht Werte von 18- bis über 50-fach. [Anmerkung: das EV/Sales-Verhältnis kennzeichnet den Unternehmenswert im Verhältnis zur Umsatzentwicklung.] Medigene war mit lediglich einem einlizenzierten Produkt in der klinischen Phase II mit einem EV/Sales-Verhältnis von über 1000-fach (!) sogar noch weit höher bewertet, obgleich das Unternehmen keine Umsätze verzeichnete.

Im zweiten Halbjahr 2000 platzten die Technologie-Bubbles. Das menschliche Genom war erfolgreich sequenziert worden und plötzlich herrschte Einigkeit darüber, dass die Sequenz allein keineswegs in wenigen Jahren alle Krankheitsursachen erklären und alle Krankheiten heilen kann. Die Kurse der Biotech­aktien fielen nicht sofort, aber die Stimmung an den Börsen kühlte sich deutlich ab und die sehr hohen Bewertungen der Unternehmen wurden jetzt wahrgenommen und zur Last.

Dann kam der 11. September 2001, nach dem nichts mehr war wie zuvor. Die Aktienmärkte brachen weltweit ein und lösten den größten und längsten Kursverfall aller Zeiten an der Börse aus. Professionelle Investoren verkauften in dieser Zeit zuerst ihre risikoreichen Investments und setzten auf defensive Branchen (Versicherungen, Versorger, Banken(!)). Der Kursverfall der deutschen Biotechwerte war brutal und dauerte bis zum Februar 2003 an. Die Aktien verloren bis zu 95 Prozent ihres Werts. Viele Unternehmen waren an der Börse weniger wert als ihre eigenen Geldreserven. Das war die Übertreibung in die andere Richtung.

Die folgenden Jahre blieben für die Branche schwierig, weil das Interesse der Kapitalmarktteilnehmer an der Industrie gering blieb und neue Geldmittel gerade für Medikamentenentwickler fast unmöglich aufzutreiben war. Viele Unternehmen überlebten diese Phase nicht. Die Möglichkeit, frische Finanzmittel über den Kapitalmarkt aufzunehmen war erst wieder ab 2005 möglich und es erfolgten einige wenige Börsengänge und Kapitalerhöhungen auch in der Biotechnologiebranche. Die Qualität der Unternehmen war jetzt besser, die Produktentwicklungen immer noch riskant, aber deutlich weiter fortgeschritten. Dennoch fiel der Anteil der Privatanleger (die nach dem Platzen der Blase viel Geld verloren hatten), mangels Interesse an diesen Börsengängen auf durchschnittlich etwa auf ein Zehntel.

Auf der anderen Seite trennte sich bei deutschen Biotechwerten auch die Spreu vom Weizen und mehrere Unternehmen konnten mit konservativer Ausrichtung auf Profitabilität oder konsequenter Produktentwicklung überzeugen (als Beispiele seien Evotec, Morphosys, Qiagen, Jerini und Micromet genannt). Diese Unternehmen wurden in den 2000er Jahren wie im Falle von Jerini und Micromet von internationalen Konzernen mit hohem Aufschlag übernommen, die anderen behaupten sich heute in einem internationalen Wettbewerbsumfeld.

Was ist aus unseren Beispielen aus dem Jahre 2000 geworden? Cybio hat es nicht alleine geschafft und wurde 2009 von Analytik Jena übernommen; in diesem Jahr betrug der Marktwert gerade noch 12 Millionen Euro. Medigene hat mehrere Produkte nicht zur Entwicklungsreife gebracht und daher viel Geld verbraucht, das nicht mehr verdient werden kann. Um sich weiter finanzieren zu können, wurden im Jahr 2010 sogar die Rechte des ersten Medikaments Eligard an Astellas verkauft. Die Geschäftsentwicklung des zweiten Produkts Veregen liegt hinter den Erwartungen und das Unternehmen schreibt weiter hohe Verluste. Der Marktwert ist auf derzeit 51 Millionen Euro gesunken.

Morphosys dagegen ist eine Erfolgsgeschichte. Im Jahr 2003 noch unterhalb der Barmittel bewertet, riss der CEO Simon Moroney das Ruder herum und verzichtete auf die teure klinische Entwicklung von Medikamenten. Das Unternehmen wurde auf Profitabilität getrimmt und die Auslizenzierung der Plattform stand im Vordergrund. Mit dem Zehnjahres-Vertrag mit Novartis im Jahr 2007 setzte der Erfolg ein und das Unternehmen erreichte die Gewinnschwelle. In den letzten Jahren rückte wieder die eigene Pipeline in den Vordergrund, die größtenteils erfolgreich an internationale Partner auslizenziert werden konnte. Der Marktwert liegt heute bei 1,7 Milliarden Euro und das Unternehmen hat mehr Mitarbeiter als je zuvor.

Im aktuellen Ernst & Young Report 2014 zur deutschen Biotechbranche machte sich Resignation breit. Mit 409 Unternehmen und rund 9.700 Beschäftigten konnte im vergangenen Jahr kein Wachstum verzeichnet werden. Der Branchenumsatz ist um sieben Prozent auf etwas mehr als eine Milliarde Euro gesunken. Noch bedenklicher ist für die forschungsintensive Branche, dass auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um sechs Prozent sanken. Seit 2006 gab es keinen Biotech-Börsengang mehr und aus klassischen Finanzierungsrunden durch Risikokapital flossen 2013 nur rund 35 Millionen Euro in die Branche. Gerade die fehlenden Börsengänge haben zum Rückzug von Risikokapital geführt, da immer weniger Venture-Capital-Unternehmen das Risiko auf sich nehmen, Biotech-Unternehmen weiter zu finanzieren, ohne dass ein Markt zur Veräußerung der Unternehmen existiert.

In den USA ist es genau umgekehrt: Der Markt für Wagniskapital boomt und börsennotierte Biotech-Unternehmen haben sich im Jahr 2013 auf breiter Front über Kapitalerhöhungen refinanziert. Ausserdem vollzogen 41 Biotech-Firmen den Börsengang. Laut dem Branchenjournal Biocentury haben 397 gelistete Biotechfirmen neue Mittel in Höhe von umgerechnet knapp 23 Milliarden Euro eingeworben. Bemerkenswert ist, dass auch kleinere Unternehmen (mit einem Marktwert unter einer Milliarde US-Dollar) erfolgreich am Markt waren und umgerechnet 10,3 Milliarden Euro (plus 36 Prozent) eintreiben konnten: Das heisst, dass jedes der 371 kleineren Unternehmen durchschnittlich knapp 29 Millionen Euro an neuen Mitteln (gegenüber 2012: 320 Unternehmen mit je 24 Millionen Euro) erhielt, und die Finanzierung sich nicht nur auf die grossen Unternehmen konzentrierte.

Im Vergleich zu den USA liegt Deutschland also weiterhin weit zurück und verliert mit wenigen Ausnahmen sogar an Boden. Dies gilt für alle wichtigen Aspekte, die zu einer erfolgreichen Branchenentwicklung gehören: Erfahrenes Management in den Unternehmen, eine breite Anzahl an Investoren mit Branchenkenntnissen, interessierte und risikobewusste Anleger und ein Bankenumfeld mit Branchenexpertise: All dies findet man in den USA, während der deutsche Markt großen Nachholbedarf hat.

Erfahrene deutsche Manager ziehen häufig die USA vor, weil sie dort ein besseres Netzwerk und Kapital­umfeld vorfinden. Die wenig verbliebenen professionellen Investoren in Deutschland orientieren sich auf Grund des grösseren Angebots ebenfalls in die USA und können auch oft nicht in kleine, illiquide deutsche Biotechunternehmen investieren. Und die Banken haben ihre interne Branchenexpertise stark reduziert und überlassen den US-Banken das Kapitalmarktgeschäft, auch weil das Interesse der Privatanleger an Biotech-Aktien weitgehend erloschen ist.

Die Branche muss noch mehr auf Qualität setzen. Deutschland war bisher vielleicht mit eigenen Medikamentenentwicklungen bis auf wenige Ausnahmen nicht sehr erfolgreich. Plattformunternehmen wie Evotec, Morphosys und Qiagen gehören aber zu den Gewinnern der Branche und halten im internationalen Wettbewerb gut mit, weil sie exklusive, mit starken Patenten abgesicherte, Technologien und Geschäftsmodelle geschaffen haben. Und attraktive Finanzierungsmodelle müssen her, wie zum Beispiel das unlängst von Ernst & Young vorgeschlagene „1%-Modell“, bei dem Steuererleichterungen für Investitionsanreize sorgen sollen. Dies würde erlauben, dass sich die Unternehmen in Zukunft auf ihre operative Aufgaben konzentrieren können und sich nicht ständig um die Weiterfinanzierung ihres Unternehmens sorgen müssten.

Hanns Frohnmeyer ist Molekularbiologe und arbeitet als Portfolio-Manager mit Schwerpunkt Life Science bei der Aeris Capital AG.


Letzte Änderungen: 11.07.2014

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