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Mensch und Modelle

Zitationsvergleich 1997 bis 1999: Humangenetik
von Ralf Neumann, Laborjournal 12/2001


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Die wenigsten Humangenetiker forschen ausschließlich am menschlichen Erbmaterial. Nun gut, Maus oder Zebrafisch leuchten als Modellobjekte für die Funktionelle Genomik ja noch ein. Doch so mancher zeichnet bisweilen auch Artikel über Fliegen, Algen oder Seeigel.

Wie definiert man eigentlich Humangenetik? Spicken wir doch mal in einem der leading journals dieser Disziplin, dem American Journal of Human Genetics (AJHG). Da heißt es unter Beschreibung der Zeitschrift: ... Forschung und Überblicksartikel, die sich auf die Vererbung beim Menschen beziehen, als auch auf die Anwendung genetischer Prinzipien in Medizin, Psychologie, Anthropologie und sozialen Diensten, sowie in verwandten Feldern der Molekular- und Zellbiologie. Themen, die das AJHG untersucht, schließen daher ein: Verhaltensgenetik, klinische Genetik, Zytogenetik, Dysmorphologie, genetische Beratung, Immungenetik, Populatonsgenetik und Epidemiologie.

Für unseren Vergleich haben wir jedoch noch ein Feld dazu genommen: Evolution des Menschen. Das erklärt, weshalb sich auch drei Forscher der Abteilung Evolutionsgenetik am Leipziger MPI für evolutionäre Anthropologie in der Liste platziert haben: Direktor Svante Pääbo auf Platz 14; Mark Stoneking, seit 1999 Leiter der Gruppe Molekulare Anthropologie auf Platz 17; sowie der Leiter der Gruppe Theoretische Biologie, Arnd von Haeseler, auf Platz 47.

Ansonsten dürften sich die restlichen Köpfe ausnahmslos irgendwo in der AJHG-Definition wiederfinden. Wenn auch nicht alle nur über den Menschen arbeiten. Zum Beispiel Hans Lehrach, Direktor am Berliner MPI für Molekulare Genetik, dessen Publikationen der Jahre 1997 bis 1999 die meisten Zitierungen unter allen Humangenetikern des deutschen Sprachraums auf sich zogen: Vertebrate Genomics nennt sich seine Abteilung - und das sagt schon alles: Neben seinen Beiträgen zum deutschen und zum internationalen Humangenomprojekt, sowie zu Krankheiten wie etwa Morbus Huntington oder Herzerkrankungen, interessiert er sich auch für allgemeine Entwicklungsvorgänge und Evolution. Wozu er beispielsweise auch Projekte laufen hat über den Seeigel, Fische wie Amphioxus und Zebrafisch oder auch Maus und Ratte.

Ähnliches trifft zu auf den Drittplatzierten, Jörg T. Epplen, Leiter der Abteilung Molekulare Humangenetik an der Uni Bochum. Ein knappes Drittel seiner Zitierungen zog dieser mit einer einzigen Veröffentlichung über Morbus Parkinson – die am zweithäufigsten zitierte humangenetische Veröffentlichung aus dem deutschen Sprachraum der Jahre 1997-99 überhaupt. Indes schlägt auch Epplens Herz nicht nur für humane DNA-Sequenzen und Krankheiten. Vielmehr widmet er auch der Genetik sozialer Systeme bei Tieren einen gehörigen Teil seiner Forscherleidenschaft und stellt überdies sein genetisches Know-how zum Beispiel auch Algen-, Fisch- und Fliegenforschern zur Verfügung.


Krankheitsgene als Renner

Der Zweitplatzierte, Peter Lichter, bleibt da schon strenger beim Menschen. Lediglich auf das kleine Menschmodell der funktionellen Genomik, die Maus, greift der Leiter des Forschungsschwerpunkts Genomforschung und Bioinformatik am DKFZ Heidelberg bisweilen zurück.

Andere indes tun das ausschließlich. Nur ein Beispiel: Martin Hrabe de Angelis auf Platz 42, der als Leiter des Instituts für Experimentelle Genetik am GSF in Neuherberg vor allem Mausmodelle für menschliche Krankheiten zu etablieren versucht. Funktionelle Mausgenomik mit humanmedizinischer Stoßrichtung also, weswegen er nicht zuletzt seit 1999 im wissenschaftlichen Koordinierungskomitee des deutschen Humangenomprojekts sitzt.

Die Liste der meistzitierten Publikationen aus dem deutschen Sprachraum ist da viel eindimensionaler. Bis auf eine immungenetische Publikation auf Platz acht behandeln die übrigen neun allesamt genetische Ursachen humaner Krankheiten. Der Renner ist dabei vor allem Morbus Huntington, worum sich insbesondere die Leute um Erich Wanker und Eberhard Scherzinger in Hans Lehrachs Abteilung am Berliner MPI für Molekulare Genetik verdient gemacht haben. Deren beide Cell-Artikel aus dem Jahre 1997, back to back veröffentlicht mit einer Londoner Gruppe, landeten auf den Plätzen eins und vier der meistzitierten Papers 1997-99. Dazu kommt der schon erwähnte Bochumer Artikel über Parkinson auf Zwei, sowie auf den Plätzen drei und fünf zwei ebenfalls back to back in Cell veröffentlichten Paper über die sogenannte craniometaphysäre Dysplasie, eine Skelettdysplasie, die zu Fehlbildungen der Extremitäten führt. Zwei Paper, die Stefan Mundlos (9.), der damals noch an der Mainzer Kinderklinik arbeitete, sicherlich nicht schadeten bei seiner Berufung an die Berliner Humboldt-Universität plus Arbeitsgruppe am MPI für Molekulare Genetik.

Ebenfalls zweimal vertreten sind Artikel zur Tangier-Krankheit, einer Lipidspeicherkrankheit, die zur Anreicherung von Cholesterin und seinen Estern in vielen Organen führt. Das eine, aus der Klinischen Chemie der Uni Regensburg, auf Platz 5 - das andere, aus dem Institut für Arterioskleroseforschung an der Uni Münster, auf Platz sieben. Und wiederum erschienen sie back to back, diesmal in Nature Genetics 1999.

Weniger eindimensional als in den meisten anderen Life Science-Disziplinen ist dagegen die Zusammensetzung der Köpfe-Liste nach den beiden Geschlechtern. Immerhin neun Humangenetikerinnen schafften den Sprung unter die Top 50. Deren beste, Evelin Schröck auf Platz 10, kam übrigens 1999 als eine der ersten Siegerinnen des BMBF-Wettbewerbs BioFuture vom amerikanischen NIH zurück nach Deutschland an das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMB Jena).

Die Humangenetik, eine Forscherinnen-freundliche Disziplin?


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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