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Reine Säugersache

Zitationsvergleich 1997 bis 1999: Neurowissenschaften, Nicht-klinischer Teil
von Ralf Neumann, Laborjournal 1-2/2002


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Nahezu brüderlich teilen sich reine Hirn- und Nervenforscher die Plätze mit den Kollegen, die vor allem Nervenkrankheiten erforschen. Mit leichten Vorteilen für letztere.

In den Neurowissenschaften vergleicht man leicht Äpfel mit Birnen. Nur wenige biomedizinische Disziplinen gibt es, die sich partout nicht mit Hirn und Nerven beschäftigen können - Pflanzenforscher etwa, oder Virologen und Mikrobiologen. Dann hört es aber fast schon auf. Und mehr noch, vor einige Disziplinen braucht man lediglich das Wörtchen Neuro setzen, und schon kann man damit eigene Abteilungen und Institute betiteln: Neuroanatomie, Neuropathologie, Neuroimmunologie,...

Groß ist daher die Gefahr, mit einem Vergleich all derjenigen Forscher, die dem Nervensystem aus den unterschiedlichsten Richtungen Erkenntnisse abzuringen versuchen, in allzu grobe Schieflage zu geraten. Damit ein solcher Vergleich nicht völlig abkippt, mag es helfen, wenigstens die klinischen Neuroforscher von den Kollegen zu trennen, die eher grundlegend über Hirn und Nervensystems arbeiten. Genau dies haben wir getan: Die klinischen Neurowissenschaften müssen auf die nächste Ausgabe warten, die nicht-klinischen Hirn- und Nervenforscher aus der Biologie sowie den vorklinischen und klinisch-theoretischen medizinischen Fächern sind in diesem Heft dran.

Natürlich gerät man bei einer solchen Teilung an Grenzfälle. Personifiziert etwa auf den Plätzen 4 und 5 der meistzitierten Köpfe: Hans Lassmann auf Platz 4 forschte ursprünglich am Institut für Neurologie der Universität Wien hauptsächlich über Multiple Sklerose. Nun ist die Neurologie eine klassisch klinische Disziplin, allerdings wechselte Lassmann 1999 als Direktor und Leiter der Abteilung Neuroimmunologie an das neu gegründete Institut für Hirnforschung. Und dieses verschreibt sich selbst explizit der Grundlagenforschung auf dem Feld der Neurowissenschaften. Deswegen erscheint Lassmann in der Liste.

Ähnlich verhält es sich mit Florian Holsboer auf Platz 5, dem Direktor des Martinsrieder MPIs für Psychiatrie, welches bis zur Verselbständigung des Theoretischen Teilinstituts als neues MPI für Neurobiologie im Jahre 1998 noch als Klinisches Teilinstitut firmierte. Natürlich ist man dort noch immer nahe dran an klinischen Neurowissenschaften, aber getreu dem Motto der Max-Planck-Gesellschaft als Förderer der Grundlagenforschung sind auch die meisten Resultate aus Holsboers Labors eher grundlegender Natur.


Halbe-halbe

Die fünfzig Köpfe, deren Paper der Jahre 1997-99 bis heute am häufigsten zitiert wurden, lassen sich nochmals nahezu halbe-halbe aufteilen: Und zwar in solche, die ganz allgemein Struktur und Funktion des Nervensystems und seiner Komponenten erforschen - und solche, die vorwiegend an grundlegenden Mechanismen von Erkrankungen des Nervensystems. Zu ersteren gehören all diejenigen, die beispielsweise zellbiologisch das Geschehen am synaptischen Spalt unter die Lupe nehmen, physiologisch die Vorgänge an Ionenkanälen aufzeichnen, oder biochemisch und molekularbiologisch Neurotransmitter-Rezeptoren studieren. Gut platzierte Beispiele sind etwa Reinhard Jahn auf Platz 3, Melitta Schachner auf 6, die Nobelpreisträger Bert Sakmann (7.) und Erwin Neher (17.) sowie der Hamburger Thomas Jentsch (11.)


Pärchenbildung

Ein klein wenig stärker jedoch scheinen diejenigen nach vorne zu drängen, die Hirn- und Nervenerkrankungen im Fokus haben. Allen voran auf den beiden Spitzenplätzen ein Alzheimer-Pärchen, bestehend aus Konrad Beyreuther vom Heidelberger Zentrum für Molekulare Biologie (ZMBH) und dem frisch gebackenen Leibniz-Preisträger Christian Haass vom Insitut für Biochemie am Adolf-Butenandt-Institut der Uni München. Neben dem weiteren Alzheimer-Spezialisten Paul Saftig vom Göttinger Institut für Biochemie auf Platz 10 und den bereits erwähnten Herren Lassmann (4.) und Holsboer (5.) fallen hier noch zwei weitere Paarbildungen auf: Ein Prionen-Pärchen mit dem Zürcher Adriano Aguzzi und dem Münchner Hans Kretzschmar auf den Plätzen 7 und 8, sowie das Berliner Huntington-Pärchen Erich Wanker und Erich Scherzinger vom dortigen MPI für Moleulare Genetik auf den Plätzen 12 und 13.

Auch bei den meistzitierten Artikeln hat man den Eindruck, dass man mit Nervenkrankheiten ein paar Zitierungen mehr anziehen kann als mit purer Hirnstruktur oder Nervenfunktion: Auf Platz 1 ein Huntington-Paper, auf 3 ein Alzheimer-Artikel, und Nummer 4 geht über Parkinson. Dennoch, allzu schief wird der Vergleich damit nicht - denn wenn auch auf Platz 2 nur einmal unter den ersten Vier vertreten, so schafften es doch insgesamt fünf reine Struktur- und Funktions-Artikel neben gleich vielen Krankheits-Papern unter die ersten 10.


Keine Fische und Fliegen

Auffällig auch der hohe Anteil an Novartis-Forschern unter den Top 50. Gleich achtmal sind Forscher des Basler Pharmagiganten in der Liste vertreten. Deren Clou: Die Klonierung und Charakterisierung des GABA (B)-Rezeptors von den Leuten aus der Forschungsabteilung Nervensystem um Bernhard Bettler (14.). Ein Erfolg, der Bettler nicht zuletzt im vergangenen Jahr auf den Basler Lehrstuhl für Physiologie mit Schwerpunkt Neurophysiologie verhalf.

Im verbleibenden Rest der akademischen Neuroforscher tummeln sich neben der Masse der Biochemiker, Physiologen sowie Molekular- und Zellbiologen aus den stärker medizinisch orientierten Fächern vor allem nominelle Neuropathologen (6), Anatomen (3)und Humangenetiker (3). Scheint also, als hätte trotz der Vielfalt jeder Nerven-Spezialist die Chance auf viele Zitierungen - egal, aus welcher Disziplin er kommt.

Doch dem ist nicht ganz so. Chancen auf einen Platz unter den Top 50 hatte nur, wer am Säugerhirn forscht. Alle 50 analysieren sämtlich die Hirne und Nervenzellen von Mensch, Affe, Maus oder Ratte. Ganz offenbar existiert hier wohl tatsächlich ein deutlich höheres Zitierpotenzial als für Leute, die etwa Fisch- oder Insektenhirne erforschen. Weswegen deren Protagonisten, wie etwa Martin Heisenberg oder Randolf Menzel, auch weit hinter Platz 50 landeten. Doch wer will ernsthaft behaupten, diese seien schlechter als die Nummer 50?

Ein wenig Schieflage war ja angekündigt.


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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