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Grenzkonflikte

Zitationsvergleich 1998 bis 2000: Verhaltensneurowissenschaften
von Ralf Neumann, Laborjournal 1-2/2003


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Für den letzten Publikationsvergleich "Verhaltensbiologie" bekamen wir viel Prügel. Zu Recht. Viel Mühe hatten wir uns gegeben, den Menschen als Untersuchungsgegenstand sowie die klinischen Verhaltensforscher auszuschließen, um uns umso mehr auf die "klassischen" Verhaltensbiologen und -physiologen zu konzentrieren. Das war zwar schwer, wurde uns aber sogar als sinnvoll bescheinigt – falls wir es strikt durchziehen würden.


Wie man´s macht,...

Haben wir nicht. Sicherlich tauchten in der Liste mehrheitlich Ethologen auf, doch eben auch einige Forscher, die sich tatsächlich mit verhaltenspathologischen Themen beschäftigen. Zudem belegten von diesen unglücklicherweise einige gerade die Spitzenplätze.

Klar, dass dann auch andere, die wir nach obigen Kriterien aussortiert hatten, auf den Plan traten. "Da gehöre ich doch auch dazu. Feldon und Koch etwa, die treffe ich auf Kongressen, mit denen publiziere ich sogar." Solche und ähnliche Sätze bekamen wir zu hören.

Aber auch andere: "Sicher ist es schwer die Grenze zu ziehen", schrieb einer. "Ich kenne einige Neurobiologen, die sich als die wahren Verhaltensforscher sehen, während die Ethologen natürlich ganz anderer Meinung sind."

Hier war also der Schnitt zu vollziehen: Verhaltensbiologen gegen Verhaltensneurowissenschaftler. Und so wollten wir es denn nun auch machen: Die alte Liste von den Verhaltensneurowissenschaftlern säubern und für diese eine neue ermitteln. Da Jahreswechsel war, verschoben wir zudem das Intervall der zitierten Veröffentlichungen von 1997-99 auf 1998-2000 – auf die Art sollte es auch für die Wiedererwähnten ein wenig spannend bleiben.

Was allerdings so leicht ausgesprochen ist, war es in der Praxis dann keineswegs. Denn wie es die Verhaltensforschung im herkömmlichen Sinne als einheitliche biologische Disziplin kaum noch gibt, so zerfleddert stellt sich das dar, was man Verhaltensneurowissenschaften nennt. Da gibt es Biologen, wie etwa den Berliner Randolf Menzel oder den Würzburger Martin Heisenberg, die natürlich erneut zu berücksichtigen sind; da gibt es das riesige Feld der klinischen Neurowissenschaftler, der Psychiater und Psychologen; da drängen einige Endokrinologen und vor allem auch die Pharmakologen hinein...

Wir mussten also wieder eingrenzen, um am Ende nicht allzu sehr Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Zwei Dinge waren uns am Ende wichtig: Einmal sollten die Kandidaten in ihren Projekten auch wirklich Verhaltensexperimente durchführen, und zum anderen sollten sie zu einem gehörigen Teil tierexperimentell arbeiten. Der Sinn der Sache war folgender: Wir wollten vor allem die klinischen Neurowissenschaftler und Psychiater herausfiltern, die ja schon ihren eigenen Zitationsvergleich hatten (LJ 3/2002, S.40), genau wie die empirisch arbeitenden Psychologen.

Dennoch mussten wir natürlich einige durchschlüpfen lassen. Zum Beispiel gleich die Nummer eins: Klaus-Peter Lesch von der Würzburger Psychiatrischen Klinik. Der arbeitet dort natürlich an humanen psychiatrischen Erkrankungen, macht dazu aber auch deutlich molekularbiologische Grundlagenforschung an Mausmodellen, wie die Titel seiner beiden bestzitierten Arbeiten der Jahre 1998-2000 zeigen (Platz 4 und 10 der "meistzitierten Artikel"). Oder ähnlich die Nummer zwei, Andreas Zimmer aus Bonn: Der forscht dort an der Psychiatrischen Klinik, bezeichnet sich selbst als molekularen Genetiker, der sich besonders für neurowissenschaftliche Fragestellungen interessiert, und führt von daher zahlreiche verhaltenspharmakologische Studien an transgenen und Knockout-Mausmodellen durch, die für die psychiatrische Forschung außerordentlich relevant sind. So kann man reinrutschen.

Insgesamt gelang dies zwölf Forschern aus psychiatrischen Instituten, die Mehrheit davon aus dem Münchner MPI für Psychiatrie. Sicherlich auch ein Verdienst des dortigen Direktors Florian Holsboer, der nach Aussage eines ehemaligen Kollegen zwar selbst definitiv kein Verhaltensforscher sei, sich in der Vergangenheit aber sehr für sie eingesetzt habe.

Unter den Psychologen dagegen arbeitet hierzulande – ganz im Gegensatz zu den USA – nur eine ganz kleine Gruppe tierexperimentell über Verhalten. Weitgehend beschränkt sich dies auf die Gruppen von Joseph Huston in Düsseldorf (17.), Onur Güntürkün in Bochum (38.) sowie Rainer Schwarting in Marburg (47.)

Größer dagegen – ganz klar – die Zahl derer, die in pharmakologischen Einrichtungen verhaltensneurowissenschaftlichen Themen nachgehen. Ganze 15 Köpfe der Top 50 sind hier einzuordnen.

Der Rest verteilt sich auf neurobiologische und zoologische Institute – sowie auf die Industrie, für die Verhaltensforschung im Hinblick auf die Entwicklung von Psychopharmaka natürlich auch eine Rolle spielt. Insgesamt fünf Industrie-Forscher schafften es unter die meistzitierten Fünfzig, wobei sie zum Teil allerdings während des Bewertungszeitraums noch in akademischen Einrichtungen forschten.

Wie gesagt, die Grenzen waren in vielen Fällen schwer zu ziehen. Wer jetzt meint, er gehöre noch unbedingt dazu – bitte melden, wir bessern gerne nach.


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Letzte Änderungen: 08.09.2004


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