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"Klinische" auf Überholspur

Zitationsvergleich 2000 bis 2002: Pharmakologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 06/2005


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Die klinischen Pharmakologen sammelten zuletzt mehr Zitate als ihre experimentellen Kollegen. Nicht zuletzt, weil viele von ihnen inzwischen Pharmakogenetik betreiben.

In der Pharmakologie gibt es zwei verschiedene Spezies: die experimentellen und die klinischen Pharmakologen. Dies alleine könnte Zweifel daran säen, ob man beide in einem Zitationsvergleich zusammen analysieren kann.

Wir haben dies getan– und sind nicht die einzigen. Auch die Oberhirten über Zitierzahlen und Impact-Faktoren von Thomson-ISI fassen beide in ihrer Kategorie "Pharmacology" zusammen. Letzteres wohl aus dem Grund, weil experimentelle und klinische Pharmakologen durchaus zu großen Teilen in denselben Journals publizieren.


Hört die Signale!

Deswegen stehen sie nun auch in unserem Vergleich der Publikationen aus den Jahren 2000-2002 zusammen. Und sofort fällt auf, dass die klinischen Pharmakologen dominieren. Bei acht der zehn meistzitierten Artikel des Analysezeitraums mit Beteiligung aus dem deutschen Sprachraum tauchen klinische Pharmakologen in der Autorenzeile auf; lediglich die Paper auf den Plätzen 4 und 9 zeichneten experimentelle Pharmakologen.

Ein ähnliches Bild bei den "Köpfen": Bis Platz 9 nur klinische Pharmakologen; erst auf Platz 10 folgt mit dem Münchner Franz Hofmann der bestplatzierte experimentelle Pharmakologe.

So gesehen macht es sicher Sinn, das Feld noch ein wenig weiter auseinander zu differenzieren. Die nächst folgenden experimentellen Pharmakologen nach Hofmann sind: der Zürcher Jean Marc Fritschy (14.), der Konstanzer Thomas Hartung (16.), Veit Flockerzi aus Homburg (18.), Josef Pfeilschifter aus Frankfurt (22.), Ulrich Förstermann aus Mainz (30.) und der Berliner Emeritus Günther Schultz (33.).

Abgesehen von zwei Vertretern aus der forschenden Pharmaindustrie stehen in den Top 50 somit 17 experimentelle Pharmakologen 31 klinischen Kollegen gegenüber.

Das war nicht immer so. Im Gegenteil, bis vor einiger Zeit hatten die experimentellen Pharmakologen in den meisten Vergleichen die Nase vorn. Zu einem großen Teil liegt das sicherlich an deren bevorzugtem Forschungsgebiet – den zellulären Signalwegen. Hier erhofften sich nicht nur Pharmakologen die effektivsten Angriffsorte, um zelluläres Geschehen mit geeigneten Wirkstoffen zu beeinflussen. Und entsprechend "in" war über mehrere Jahrzehnte die Forschung an Rezeptoren, Second Messengern, Proteinkinasen oder Kanalproteinen.

Nicht dass das Interesse an diesen Prozessen entscheidend abgeflaut wäre – die klinischen Pharmakologen hatten dem nur lange nichts entgegen zu setzen. Allenfalls wenn einer von ihnen mal als Koautor an einer großen klinischen Studie teilnehmen konnte, bestanden Chancen auf viele Zitierungen; ein Beispiel ist der Berner Jürg Reichen als Koautor des am zweithäufigsten zitierten Artikels, der eigentlich in der Hepatologie angesiedelt ist. Oder wenn Grundlagenforscher für ihre Experimente klinisch-pharmakologisches Know-how brauchten – wie geschehen etwa im Fall der beiden Bonner Dieter Lütjohann und Klaus von Bergmann bei der Alzheimer-Studie auf Platz 3.

Doch seitdem die menschliche Genomsequenz veröffentlicht ist und zudem einzelne Sequenzen vieler Individuen schnell und parallel analysiert werden können, haben sich vor allem klinische Pharmakologen auf ein ganz neues Feld gestürzt – Pharmakogenetik und Pharmakogenomik. Die Pharmakogenetik be- schreibt hierbei die interindividuellengenetischen Variationen und deren Einfluss auf die Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Arzneimitteln; die Pharmakogenomik betrachtet dagegen die Wechselwirkung von Wirkstoffen mit der Gesamtheit aller Gene.


Keimzellen der Pharmakogenetik

Ein schönes Beispiel für eine pharmakogenetische Studie bietet das meistzitierte Paper unseres Vergleichs über individuelle Variationen im humanen Multidrug resistance-Gen und deren funktionelle Auswirkungen. Fast 450mal wurde dieses Paper bis Mai 2005 zitiert, weshalb es auch kaum wundert, dass zehn der elf Autoren in den Top 50 unseres Vergleichs landeten. Gleichsam hat man mit diesem Paper unmittelbar die beiden Keimzellen deutscher Pharmakogenetik abgesteckt: das Institut für klinische Pharmakologie am Berliner Klinikum Charité rund um Ivar Roots (3.), sowie das Dr. Margarete Fischer-Bosch Institut für Klinische Pharmakologie am Stuttgarter Robert Bosch-Krankenhaus unter Leitung von Michel Eichelbaum (2.). 13 Forscher, die zumindest teilweise an diesen beiden Instituten arbeiteten, kamen unter die Top 50.

In der Spitze mithalten konnten lediglich die beiden Zürcher Leber-Spezialisten Peter Meier-Abt (1.) und Bruno Stieger (8.) – sowie Gunther Hartmann (5.) und dessen "Chef" Stefan Endres (7.) von der TU München. Wobei man zu letzteren sagen muss: den Löwenanteil ihrer Zitierungen machten sie mit waschechter Infektionsimmunologie.


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Letzte Änderungen: 25.07.2005


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