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Hi(r)ngucker

Publikationsanalyse 2007-2011: Nicht-klinische Neurowissenschaften
von Ralf Neumann, Laborjournal 01/2014




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Illustration: Georgia Tech

Kaum ein Feld ist so breit und bunt wie die Neurowissenschaft. Am häufigsten zitiert wurde man jedoch vor allem mit einem: Genetischen Assoziationsstudien psychiatrischer Störungen.

Vorweg eine Anekdote. Vor einiger Zeit entstand in einem Weblog eine Diskussion über Schlafforschung. Hintergrund war, dass man immer noch nicht weiß, was Schlaf eigentlich genau ist und warum er sich evolutionsgeschichtlich entwickelt hat. Immerhin, verkündete ein Teilnehmer, habe man inzwischen doch jede Menge Gene gefischt, die „schlafspezifisch“ im Gehirn exprimiert werden. „Pah!“, antwortete daraufhin ein anderer, „das waren doch nur die üblichen Verdächtigen, die man fast immer aus Hirnzellen zieht: Proteinkinasen, Dopaminrezeptoren, Serotonintransporter,...“ Woraufhin ein Dritter endgültig aus der Haut fuhr: „Verstehen die alle denn nicht, dass Schlaf eine emergente Eigenschaft des multizellulären Gehirns ist? Nicht einzelne Neuronen schlafen (oder sind wach) – das ganze Gehirn tun das. Der ‚Schlafmechanismus‘ ist kein molekularer Mechanismus, sondern das Ergebnis eines speziellen Musters neuronaler Aktivität und Konnektivität.“

Dieses Beispiel illustriert sehr schön, dass das Gehirn samt Nervensystem unter all unseren Organen dasjenige ist, welches die meisten Betrachtungsebenen umfasst. Natürlich hat man die molekulare, die zelluläre und die physiologische Ebene – wie bei anderen Organen auch. Aber schon wenn man über die zelluläre Ebene hinausschaut, wird das Gehirn doch schnell deutlich komplexer als etwa das „Pumporgan“ Herz oder der „Sauerstofflieferant“ Lunge. Neuronale Konnektivität und Plastizität sind hier nur zwei Stichworte.

Wurmhirne versus Schizophrenie

In seiner Eigenschaft als „Steuerorgan“ kommt beim Gehirn aber noch eine riesige, gänzlich eigene Ebenenkategorie hinzu – diejenige des Verhaltens sowie der kognitiven Leistungen.

Auf all diesen Ebenen kann es mannigfach zu Störungen, Ausfällen und Krankheiten kommen. Und wiederum ist deren Spektrum deutlich breiter als in jedem anderen Organsystem. Allein für die „Hirnbedingten“ Störungen des menschlichen Verhaltens gibt es bekanntlich eine eigene medizinische Disziplin: die Psychiatrie.

Da all diese Störungen und Krankheiten auch in großem Stil „nicht-klinisch“ erforscht werden, bekommt man bei der Erstellung eines Publikationsvergleichs „Nicht-klinische Neurowissenschaften“ daher zwangsläufig schnell das bekannte „Äpfel-Birnen-Gefühl“. Kann man tatsächlich die Zitierungen, die jemand mit der neuronalen Steuerung der Wurm-Futtersuche einsammelt, neben diejenigen eines anderen stellen, der nach genetischen Dis­positionen für Schizophrenie sucht? Zumal letzterer womöglich keine originellere Forschung macht als der Wurmforscher, jedoch sicher eine klar größere Gemeinde potentieller Zitierer hinter sich weiß?

Wir haben schließlich all diese „Welten“ der Nicht-klinischen Neuroforschung (vorerst) doch nicht weiter aufgesplittet – und folglich in diesem Publikationsvergleich des Zeitraums 2007-2011 zusammengehalten. Man sollte die resultierenden Listen aus den genannten Gründen jedoch mit angemessener Vorsicht studieren. Denn wie gesagt – der Wurmspezialist, der es nicht unter die 50 meistzitierten Neuroforscher diese Vergleichs geschafft hat, ist deswegen noch lange nicht ein schlechterer Forscher als die Alzheimer-Expertin auf Platz 10.

Gehen wir also hinein in die vorliegenden Listen der meistzitierten Neuro-Paper und -Autoren des Publikationszeitraums 2007-2011. Was man aus diesen deutlich zuverlässiger herauslesen kann als Forscherqualität, ist, welche Themen und Ansätze gerade besonders „heiß“ sind. Oder anders gesagt: Welche Themen gerade besonders viele Zitierungen auf sich ziehen.

Bei den meistzitierten zehn Artikeln mit Beteiligung aus dem deutschen Sprachraum ist der „Gewinner“ auf den ersten Blick klar: Genetische Assoziationsstudien neurologisch-/psychiatrischer Erkrankungen. Ganze acht Paper der Top 10 beschreiben die Assoziation einzelner Gene oder genomischer Muster mit Schizophrenie (3), Autismus (2), Alzheimer (2) und Parkinson (1).

Das mit über 1.000 Zitierungen meistzitierte Paper stellt allerdings die Maus-Genomik: Anfang 2007 veröffentlichten insgesamt 108 Autoren den „Genome-wide atlas of gene expression in the adult mouse brain“ in Nature (Vol. 445: 168-76) – genau einer davon arbeitet in deutschland, ein weiterer war zumindest zu diesem Zeitpunkt an einem deutschen Institut. Auch solche Dinge „hinter der reinen Referenz“ sollte man beim Einordnen der Resultate kritisch berücksichtigen.

Vielzitierte Ko-Autoren

Bleibt noch ein weiteres Top 10-Paper. Auf Platz 6 landete einer der Schlüsselartikel zur Etablierung der Optogenetik als eine der momentan angesagtesten Methoden in der Neuroforschung überhaupt (siehe LJ 5/2010, S. 40). Hier stammten immerhin acht von zwölf Autoren aus deutschen Instituten. Dennoch gilt auch für dieses Paper, was alle Top 10-Paper kennzeichnet: Nicht ein Erst- oder Seniorautor arbeitete zum Zeitpunkt der Publikation an einem hiesigen Institut; folglich entstand auch keiner dieser Artikel federführend im deutschen Sprachraum.

Auch die Spitze der meistzitierten Autoren spiegelt die „Artikel-Tendenzen“ wider. Sowohl die Spitzenreiterin Marcella Rietschel vom Mannheimer Zentral­institut für Seelische Gesundheit, als auch Dan Rujescu (Psychiatrische Klinik Uni Halle), Markus Nöthen (Humangenetik Uni Bonn), Wolfgang Maier (Psychiatrische Klinik Uni Bonn) und Sven Cichon (Medizinische Genetik Uni Basel) auf den Plätzen 2 bis 5, sowie Ina Giegling (Psychiatrische Klinik Uni Halle) auf dem siebten Platz stehen hauptsächlich als Ko-Autoren auf Artikeln über genetische Assoziationsstudien psychiatrischer Erkrankungen. Auf den erwähnten drei Schizophrenie-Papern der zehn meistzitierten Artikel waren gar jeweils alle fünf in der Autorenliste vertreten.

Dazu kommen mit Florian Holsboer, Direktor am Münchner MPI für Psychiatrie, und Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, auf den Plätzen 6 und 9 zwei weitere Psychiatrie-Spezialisten, die auch auf der ein oder anderen genetischen Assoziationsstudie auftauchen.

Erst dann wird es etwas bunter. Die Plätze 8 und 11 belegen mit Hans Kretzschmar (München) und Manuela Neumann (Tübingen) etwa zwei Vertreter der Neuropathologie mit Schwerpunkt auf neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Amyotrophe Lateralsklerose. Und dann ist da beispielsweise noch der Tübinger Max Planck-Direktor Nikos Logothetis (10.), der als einziger unter den Top 10 keine neurologischen oder psychiatrischen Störungen untersucht, sondern vielmehr mit funktionalen Bildgebungsmethoden ganz grundsätzlich neurale Mechanismen der Wahrnehmung und Objekterkennung ins Visier nimmt.

Schweizer Schnittstellenforschung

Jenseits von Platz 10 verschiebt sich dieses Verhältnis wieder ein wenig – so dass von den Top 50 am Ende 31 Forscherinnen und Forscher, die Störungen und Krankheiten untersuchen, 19 Kolleginnen und Kollegen gegenüber stehen, die sich rein funktionellen Aspekten des Nervensystems widmen. Weitere Beispiele für diese „Spezies“ sind etwa der Münchner (Neuro-)Entwicklungsgenetiker Wolfgang Wurst (21.), die Stammzellexpertin Magdalena Götz (29.; ebenfalls München) oder der Göttinger Synapsenspezialist Nils Brose (36.).

Unter letztere sind auch zwei Zürcher „Exoten“ zu rechnen: Die beiden Neuro­ökonomiker Klaas Stephan (37.) und Ernst Fehr (42.). Beide arbeiten an der Schnittstelle zwischen Neuro- und Wirtschaftswissenschaften, wobei sie beispielsweise Fragen nach den Hirnvorgängen bei Lern- und Entscheidungsprozessen oder bei altruistischem Verhalten und Vertrauensbildung stellen. Und dies durchaus mit Methoden aus der funktionellen Bildgebung oder der Neuroinformatik. Womit wir zugleich den Kreis wieder geschlossen hätten zu dem, was am Anfang stand: Kaum eine biomedizinische Disziplin hat ein derart breites Spektrum an Betrachtungsebenen wie die Neurowissenschaften.


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Letzte Änderungen: 13.02.2014


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