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Illustres Sammelbecken

Publikationsanalyse 2008-2012: Evolutionsbiologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 05/2014




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Vor allem die Paper zum Neanderthalergenom lassen Leipziger Forscher den Publikationsvergleich „Evolutionsbiologie“ dominieren. Mithalten können lediglich noch die „theoretischen“ Kollegen.

Es gibt nicht wenige, die die Evolutionsbiologie für den heimlichen Gewinner des Humangenomprojekts halten. Dies natürlich nicht primär, weil seit dessen Abschluss die menschliche Genomsequenz weitgehend bekannt ist. Nein, vielmehr spielte die damit einhergehende Explosion genomischer und bioinformatischer Methoden den Evolutionsbiologen perfekt in die Karten. Plötzlich hatten sie Unmengen von DNA-Sequenzen als „Record of the Past“ zur Verfügung, oder sie konnten sie mit ungeahnt schmalem Aufwand in rauen Mengen erstellen. Im Gleichschritt kam immer umfassendere und ausgefuchstere Software zum Durchforsten, Analysieren und Vergleichen von stetig größeren Sequenzbergen unter die Forscher – so dass sie mit vergleichender Genomik bald immer größere Fragen der molekularen Evolution angehen konnten, deren Beantwortung kurz zuvor noch utopisch erschien.


Illustration: hurtlab.net

In den Sog dieser Entwicklung geriet auch so mancher Forscher, der sich zuvor auf anderem Gebiet einen Namen gemacht hatte. Gerade die „Nummer 1“ unseres Zitationsvergleichs, Detlef Weigel vom Tübinger MPI für Entwicklungsbiologie, bietet dafür ein Paradebeispiel. Einst mit Drosophila-Projekten bei Herbert Jäckle „aufgewachsen“, stieg er dann auf Pflanzenentwicklung um, zu der seine Gruppe zuletzt unter anderem wichtige Erkenntnisse zur Steuerung der Blütenbildung lieferte. Seit einigen Jahren hat Weigel jedoch einen leichten Schwenk vollzogen. So untersucht er aktuell die genomischen Variationen, die der phänotypischen Diversität zugrunde liegen, mit der sich Arabidopsis an unterschiedlichen natürlichen Standorten der jeweiligen Umwelt anpasst. Zugleich interessiert ihn neuerdings, auf welche Weise Variationen bei pflanzlichen Abwehrvorgängen die reproduktive Isolation der Pflanzen (mit-)steuern. Beides sind prinzipielle Kernfragen der Evolutionsbiologie.

„Spielwiese“ Evolutionsbiologie

Weigel ist nur ein Beispiel von vielen, wie Forscher aus angrenzenden Gebieten in die tolle, neue „Spielwiese“ der Evolutionsbiologie hineindrängen. Neben naheliegenden Querverbindungen, wie etwa aus Ökologie, Zoologie oder Botanik, fällt hierbei insbesondere der Zustrom aus theoretisch orientierten Disziplinen, wie beispielsweise Mathematik oder Informatik, auf. Die „extremsten“ Beispiele in unserem Publikationsvergleich bieten hierfür sicherlich der Hamburger Mathematiker Hans-Jürgen Bandelt (43.) und die Zürcher Computerwissenschaftlerin Maria Anisimova (15.). Es scheint, als würden sie die moderne Evolutionsbiologie besonders dankbar als praktisches Betätigungsfeld für ihre theoretischen „Werkzeuge“ annehmen. Neu ist das allerdings nicht: Auch in der „alten“ Evolutionsbiologie tummelte sich bereits so mancher „Theoretiker“ – man denke nur an John B.S. Haldane, Ronald A. Fisher und Sewall G. Wright, die in den 1920ern die Populationsgenetik begründeten.

Steigen wir also tiefer ein in den Publikationsvergleich des disziplinären Sammelbeckens „Evolutionsbiologie“. Wie immer, zunächst ein paar Hinweise zum besseren Einordnen. Ausgeklammert aus diesem Vergleich haben wir die vielen Mikrobiologen, die im Rahmen ökologischer Mikrobiom-Projekte laufend neue Arten in Umweltproben finden und diese umgehend auch gleich in phylogenetische Stammbäume einbauen. Sicherlich wertvolle Informationen, allerdings war uns das doch ein Tick zu sehr „Nebenbei-Evolutionsforschung“. Nicht für ungut, dafür dominieren die Mikrobiellen Ökologen ja bereits den Publikationsvergleich „Mikrobiologie“ sehr stark.

Weiterhin ist uns – wie immer – auch hier wichtig zu betonen, dass der Vergleich nur die Häufigkeit der Zitationen zählt – und damit zumindest nicht unmittelbar etwas über die Qualität der jeweiligen Forschung aussagt. Ein Projekt über Artbildungsmechanismen bei Nacktschnecken kann allemal origineller, pfiffiger und womöglich sogar von höherer Erkenntnisdichte sein als evolutionsgeschichtliche Ableitungen aus dem Neanderthalergenom. Allerdings wird es garantiert nur einen Bruchteil der Zitate anziehen, die ein Neanderthaler-Paper einsammelt – allein deshalb, weil sich mehr Kollegen für Mensch und Neanderthaler interessieren und die entsprechenden Arbeiten zitieren, als das bei Nacktschnecken der Fall ist.

Dies spielt zwar mit, ist aber sicher nicht der alleinige Grund, warum die Evolutionsgenetiker um Svante Pääbo vom Leipziger MPI für Evolutionäre Anthropologie als Federführende des Neanderthalergenom-Projekts diesen Publikationsvergleich der Jahre 2008-2012 derart dominieren. Gleich zwei Paper aus dem Jahr 2010 brachten sie unter die zehn meistzitierten Artikel (Plätze 5 und 8), und insgesamt 14 aktuelle und ehemalige Kollegen unter die 50 meistzitierten „Köpfe“. Nimmt man noch den Uni-Bioinformatiker Peter Stadler (5.) und dessen ehemalige Mitarbeiterin Andrea Tanzer (7.) dazu, so manifestiert sich Leipzig endgültig als dominierende Stadt in diesem Evolutionsbiologie-Publikationsvergleich.

Mit Mathematik und Algorithmen

Zur absoluten Spitze reicht es den Leipzigern aber nicht. Das Neanderthalergenom-Paper von Pääbo et al. wird nach Zitaten klar geschlagen von drei Artikeln aus der „Computer-Evolutionsbiologie“. Die Entwicklung neuer Algorithmen zur Erstellung phylogenetischer Bäume oder zur Auswertung populationsgenetischer Daten erreicht wohl einen noch breiteren Kollegenkreis als der genetische Komplettvergleich mit unserem ausgestorbenen Verwandten. Letzteres gilt offenbar ebenso für das viertplatzierte Paper über die Vorzüge möglichst breiter phylogenomischer Vergleiche quer durch das gesamte Tierreich, das sich damit auch noch vor den Neanderthalergenom-Artikel schob.

Bei den Köpfen ergatterte wenigstens Svante Pääbo noch den dritten Platz auf dem Treppchen. Davor auf Platz 1, wie schon erwähnt, der Tübinger Max-Planck-Kollege und „Pflanzenmann“ Detlef Weigel – sowie Laurent Excoffier von der Universität Bern auf Platz 2, der evolutionäre Prozesse auf Populations- und Artebene insbesondere mit theoretischen Computermethoden zu verstehen versucht. Hinter Pääbo kommt Leipzig dann aber gewaltig: Die Plätze 5 bis 11, sowie 13, 16 und 17 gehen allesamt an Leipziger und Ex-Leipziger.

Ebenso lassen sich die „Theoretischen Evolutionsbiologen“ zählen, die sich der Materie insbesondere mit Mathematik und Algorithmen nähern. Angeführt von den bereits erwähnten Laurent Excoffier (2.) und Peter Stadler (5.), schafften es noch zehn weitere dieser Spezies in die Top 50 – darunter etwa der Heidelberger Alexandros Stamatakis (4.), Arne Traulsen vom Plöner MPI für Evolutionsbiologie (18.) oder Daniel Huson von der Universität Tübingen (30.).

Aus der „Pflanzenwelt“ dagegen kommen neben Weigel noch der schwedische Populationsgenetiker Magnus Nordborg vom Wiener Gregor-Mendel-Institut (12.), der Düsseldorfer William Martin (32.) sowie Susanne Renner von der Universität München (40.). Die bestplatzierten „tierischen“ Evolutionsforscher sind Miguel Vences von der TU Braunschweig (14.), Insektenspezialist David Heckel vom Jenaer MPI für chemische Ökologie (19.), der Berner Fisch-Experte Ole Seehausen (20.) sowie der Münchner Amphibien- und Reptilienforscher Frank Glaw (24.).

Bleibt als „Exot“ noch Andrei Lupas vom Tübinger MPI für Entwicklungsbiologie zu erwähnen, der es gerade noch auf Platz 50 geschafft hat. Ihn interessieren weniger Organismen, Populationen oder Spezies, sondern vielmehr die Evolution von (konservierten) Proteinstrukturen.

Wie gesagt, eine sogenannte „Umbrella-­Disziplin“ wird schnell auch zu einem illustren Sammelbecken.


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Letzte Änderungen: 13.05.2014


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