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Verdauungshelfer

Publikationsanalyse 2008-2012: Gastroenterologie & Hepatologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 09/2014




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Klinische Studien zu Erkrankungen der Verdauungsorgane sammelten die meisten Zitierungen. Allenfalls gewisse genomische Analysen hielten noch mit.


Foto: VersaSuite

Von all unseren physiologischen Systemen ist der Verdauungstrakt wohl dasjenige, über das in der frühen Geschichte der Medizin die abenteuerlichsten Vorstellungen herrschten. Zum Beispiel die Verdauungslehre des großen griechischen Arztes Galen. Nach dessen Konzept verdaute zunächst der Magen die Nahrung zu einem Saft, den er Chylus nannte. Aus diesem Chylus wurden anschließend die minderwertigen Bestandteile als schwarze Galle abgetrennt und über den Darm ausgeschieden. Der so „verfeinerte“ Chylus hingegen gelangte in die Leber, die ihn sauber zu Blut sowie gelber und schwarzer Galle weiterverarbeitete; der unbrauchbare Rest landete zur Ausscheidung im Harntrakt. Das Blut war somit direktes und wichtigstes Verdauungsprodukt, das anschließend zu allen Organen floss, wo es dann endgültig „verdaut“ wurde. Was vom Blut als unnütz und unverdaulich übrig blieb, schied der Körper schließlich als Schweiß wieder aus.

Galen war für seine Zeit ein großer Arzt, keine Frage. Allerdings sezierte er offenbar nie einen Menschen und – viel entscheidender – er machte keine Experimente. Sobald beides im großen Stil praktiziert wurde, lernte man vergleichsweise schnell, wie die Verdauung in all ihren Facetten tatsächlich funktioniert. Und wenn es natürlich noch weiterhin einige grundlegende Dinge in Magen, Darm, Leber und Co. zu erforschen gibt – dass die Verdauung bis heute ein derart großes Thema in der Biomedizin geblieben ist und weiter bleiben wird, liegt wohl vor allem an der naturgemäß großen Anfälligkeit des Systems für eine Vielzahl verschiedenster Erkrankungen.

Macht‘s die Masse?

Dies spiegelt auch unser Publikationsvergleich „Gastroenterologie und Hepatologie“ der Jahre 2008 bis 2012 eindrucksvoll wider. Dieser war nicht von Vorneherein so gemeint, dass „nur“ Artikel und Forscher aus der gleichnamigen klinischen Disziplin berücksichtigt werden sollten. Vielmehr sollte der Vergleich insgesamt all diejenige Forschung zusammenfassen, die das Verständnis einzelner Funktionen und Fehlfunktionen des Verdauungssystems zum Ziel hat.

Und dennoch: Zumindest wenn man die Anzahl der Zitierungen als Maßstab nimmt, interessiert sich der weitaus größte Teil der „Verdauungsforscher“ für die klinischen Aspekte ihres Fachs. Vielleicht, weil es einfach viel mehr klinische als Grundlagen-Verdauungsforscher gibt – und die größere Masse automatisch auch für ein höheres Zitierpotential sorgt?

Wie auch immer – von allen relevanten Originalartikeln der Jahre 2008 bis 2012 mit Autoren-Beteiligung aus dem deutschen Sprachraum sammelte jedenfalls eine klinische Studie zur Leberkrebsbehandlung mit dem Proteinkinaseinhibitor Sorafenib bei weitem die meisten Zitierungen (siehe Tabelle auf den Seiten 32/33). Auf den Plätzen 3, 4, 7 und 8 folgen ebenfalls Artikel über klinische Tests zur Wirkung von drei weiteren Präparaten sowie nochmals Sorafenib auf Darmtumoren und Speiseröhrenkrebs.

Und damit nicht genug: Auch die Plätze 5, 6 und 8 werden von klinischen Studien zum Effekt bestimmter Medikament-Kandidaten eingenommen – nur dass diese nicht gegen Tumoren getestet wurden, sondern gegen Hepatitis C-Leberinfektionen. Womit die beiden „Top-Themen“ im Prinzip benannt wären.

Unterbrochen wird diese Phalanx klinischer Studien – wie so oft – lediglich durch zwei genomische Arbeiten. Womit schließlich doch noch ein wenig Grundlagenforschung an der Spitze mit dabei wäre. Beide Publikationen auf den Plätzen 2 und 10 beschreiben metagenomische Sequenzierstudien zur Erstellung des kompletten Mikrobioms der menschlichen Darmflora – somit Top-Thema Nummer Drei. Allerdings beteiligten sich an den beiden Arbeiten aus dem Laborjournal-Verbreitungsgebiet nicht wirklich Verdauungsforscher, sondern vielmehr eine Reihe Bioinformatiker um Peer Bork vom EMBL in Heidelberg.

Wenig Federführung

Beim neueren 2011er-Paper auf Platz 10 waren die Heidelberger sogar federführend. Sämtliche anderen Top 10-Artikel haben Korrespondenzadressen außerhalb des deutschen Sprachraums.

Welche Leute würde man nun nach dem bisher Gesagten an der Spitze der meistzitierten Köpfe 2008-2012 erwarten? Klar, klinische Gastroenterologen und Hepatologen. Und tatsächlich: Auf Platz 2 und 3 stehen die beiden Klinikdirektoren und Hepatitis C-Spezialisten Stefan Zeuzem vom Universitätsklinikum Frankfurt und Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Nummer 1, Stefan Schreiber, Gründungsdirektor des Instituts für Klinische Molekularbiologie an der Universität Kiel, ist hingegen kein so ein eindeutiger Fall. Schaut man sich sein Veröffentlichungsportfolio an, so ist er klar stärker molekularbiologisch aktiv als klinisch im strengen Sinne. Daran ändert auch nichts, dass die molekularbiologischen Projekte von Schreiber und Co. oftmals ein klinisches Thema als Stoßrichtung haben. So veröffentlichte er etwa eine ganze Reihe Artikel zu den genetischen Grundlagen entzündlicher Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Aber nicht nur. Vor allem die Expertise seines Teams in Sachen Genomik und Genom-weiter Assoziationsstudien spülte ihn zuletzt auch in den Dienst ganz anderer Projekte. So lauten etwa die Titel der beiden meistzitierten Paper des Analysezeitraums mit Schreiber als Koautor „A map of human genome variation from population-scale sequencing“ beziehungsweise „Structural variation of chromosomes in autism spectrum disorder“. Dennoch weist die Literaturdatenbank Web of Science immerhin 57 seiner 281 (!) Artikel der Jahre 2008 bis 2012 der Kategorie „Gastroenterology and Hepatology“ zu (neben 94 in „Genetics and Heredity“). Allemal Grund genug, ihn in die Liste der „Verdauungsforscher“ mit aufzunehmen.

Die beiden weiteren Direktoren in Schreibers Kieler Institut, Andre Franke und Philip Rosenstiel schafften es auf diese Weise ebenfalls in die Top Ten – Platz 4 beziehungsweise 7. Ansonsten kommen 31 weitere der Top 50-Kollegen aus der Inneren Medizin, sieben aus der Pathologie und fünf weitere aus der Viszeralchirurgie. Zu Letzteren gehört auch der Münchner Helmut Friess (16.), der im Vorjahr wegen vermeintlicher Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spenderlebern aus dem Klinikum rechts der Isar entlassen wurde.

„Einzelkämpfer“ unter den Top 50 sind demnach – zumindest was das Türschild angeht – der Heidelberger Virologe Ralf Bartenschlager (19.) sowie der klinische Onkologe Werner Scheithauer (10.) vom Allgemeinen Krankenhaus (AKH) der Stadt Wien. Genau wie die beiden einzigen Frauen in der Liste: Sibylle Koletzko (33.) arbeitet als Kinderärztin am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München, Eva Herrmann ist Direktorin des Instituts für Biostatistik und Mathematische Modellierung am Universitätsklinikum Frankfurt. Womit man zumindest letztere in diesem Zusammmenhang fast schon als „Exotin“ bezeichnen kann.


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Letzte Änderungen: 09.02.2014


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