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„Dachbauer“

Publikationsanalyse 2009-2013: Verhaltensbiologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 3/2015




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Foto: Nina Leen

Primaten, Vögel und Fische sind die Hauptdarsteller in der hiesigen Verhaltensbiologie. Meistzitierte Themen sind Kultur-, Gruppen- und Orientierungsverhalten – sowie vor allem Methodisches.

In seinem 1964er-Essay „Biology, Molecular and Organismic“ (American Zoologist 4: 443-52), verwendete der in der Ukraine geborene US-Genetiker und Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhansky zum ersten Mal sinngemäß seinen später berühmt gewordenen Satz „Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Lichte der Evolution“. Ziel des gesamten Essays samt der plakativen Aussage war, zu jener Zeit die Bedeutung der organismischen Biologie hervorzuheben – insbesondere angesichts der Herausforderungen, denen sie sich durch den damals beginnenden Siegeszug der Molekularbiologie ausgesetzt sah.

24 Jahre später wandelte der Neurobiologe Gordon Shepherd von der Yale University Dobzhanskys Aussage folgendermaßen um: „Nichts in der Neurobiologie macht Sinn, außer im Lichte des Verhaltens“ (Neurobiology (2nd Ed): 6-7). Kurz darauf rief die amerikanische Regierung für das kommende Jahrzehnt die „Dekade des Gehirns“ aus – in diesem Klima zu mahnen, die Biologie nicht allzu sehr auf „Brains only“ zu reduzieren, schien daher sehr passend.

„Sinnstifter“

Warum referieren wir das im Rahmen unserer Publikationsanalyse „Verhaltensbiologie“? Vor allem, um mit dieser Episode eines exemplarisch klar zu machen: Wie die Evolutionsbiologie stellt auch die Verhaltensbiologie eine Art Dachdisziplin dar. Eine Dachdisziplin, die nicht nur, aber auch dazu dient, die Ergebnisse vieler anderer Bio-Disziplinen in einen größeren Kontext zu integrieren – und ihnen zuweilen dadurch überhaupt erst einen „tieferen Sinn“ zu geben. Und dies betrifft beileibe nicht nur die Neurowissenschaften, sondern vielmehr beispielsweise auch Zoologie, Ökologie und Evolution, Physiologie, Endokrinologie, Genetik, usw.

Dass diese Stellung unserer Publikationsanalyse „Verhaltensbiologie“ auch Probleme macht, dürfte klar sein: Welche Artikel und Autoren kann man demnach guten Gewissens noch der „Verhaltensbiologie“ zuordnen? Und welche eben nicht mehr, da der Fokus doch zu sehr auf der jeweiligen „Unter-Disziplin“ liegt?

Grenzprobleme

Zumindest bezüglich der Autoren konnten wir uns auf das übliche operationale Schlüsselkriterium zurückziehen, dass sie einen erheblichen Teil ihrer Arbeiten in verhaltensbiologischen Fachblättern veröffentlicht haben sollten. Außen vor bleiben damit vor allem, die vielen klinischen Psychiater, Psychologen, Verhaltens-Neurobiologen sowie Pharmakologen, die sich vorrangig mit Störungen des menschlichen Verhaltens aufgrund von Krankheit, Sucht oder psycho-sozialer Faktoren beschäftigen. Und das ist auch gut so, denn logischerweise würden diese nahezu sämtliche Verhaltensbiologen aus dem vorliegenden Publikationsvergleich verdrängen. Nicht zuletzt wegen dieser unguten „Äpfel-Birnen-Problematik“ bekommen diese eher humanmedizinisch orientierten Verhaltensneurowissenschaftler schon seit jeher ihren eigenen Publikationsvergleich in Laborjournal.

Software hält Einzug

Schon der erste Blick in die Liste der zehn meistzitierten Artikel der Jahre 2009 bis 2013 aus der hiesigen Verhaltensbiologie offenbart zweierlei: (1) Auch in der Verhaltensbiologie ziehen methodische Paper die meisten Zitierungen an – und (2) hierbei wiederum dominieren statistische Methoden. Die Auswertung und Datenanalyse mit speziell ausgetüftelter Software im Computer hat inzwischen also auch erfolgreich Einzug in die Verhaltensbiologie gehalten.

Konkret belegen Paper zu Statistik und Modelling in der Verhaltensbiologie die Plätze 1, 2, 4 und 5 unter den zehn meistzitierten Artikeln. Als Autor tut sich hier insbesondere der Bielefelder Holger Schielzeth hervor, der gleich drei dieser Veröffentlichungen mitzeichnete – und damit folgerichtig auch in der Liste der meistzitierten Köpfe mit Platz 4 weit vorne landet. Auf Platz 9 folgt noch ein weiteres methodisch orientiertes Konzept-Paper zum Problem der Standardisierung von Umweltparametern und wie dies in die Reproduzierbarkeit von Tierstudien hineinspielt.

Dominantes Institut

Mit den nach Zitierungen nächstbesten Artikeln kommt man thematisch zu einem traditionellen Top-Thema der Verhaltensbiologie – nämlich wie wir durch das Studium von Menschenaffen etwas über unser eigenes „Menschverhalten“ lernen können. Hier dominieren erwartungsgemäß die entsprechenden „Köpfe“ aus dem Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. So besetzen etwa Michael Tomasello (1.), Josep Call (2.) und Christophe Boesch (3.) das komplette „Treppchen“ in der Liste der meistzitierten hiesigen Verhaltensbiologen. Aus der gleichen thematischen Ecke stoßen neben weiteren etwa noch Klaus Zuberbühler aus Neuchatel (8.) und Carel van Schaik (11.) dazu. Unter den Top 10-Artikeln tauchen entsprechende Paper auf den Plätzen 3 und 7 auf: ersteres mit Tomasello und Call als Koautoren zum „kumulativen Kulturverhalten“ von Primaten und Menschen – letzteres, ebenfalls von Tomasello gezeichnet, über die Wurzeln altruistischen Verhaltens.

Fische und Vögel

Die verbleibenden drei Paper aus den Top 10 sind zweimal „Fisch“ (Plätze 8 und 10) und einmal „Vogel“ (Platz 6) – womit wir gleichsam bei zwei weiteren wichtigen Organismengruppen der Verhaltensbiologie angekommen sind. Aber nicht nur die Organismengruppen sind quasi klassisch für die Verhaltensbiologie, auch die übergeordneten Themen der drei Paper sind es – als da wären: Orientierungsverhalten (6.), Räuber-Beute-Beziehung (8.) sowie Gruppen- und Schwarmverhalten (10.).

Noch ein „Leuchtturm“

Die Bedeutung von Fischen und Vögeln für die Verhaltensbiologie wird weiter untermauert durch die guten Platzierungen entsprechender Experten in der Top 50-Liste der meistzitierten Forscher. Die bestplatzierten Fisch-Forscher findet man etwa mit dem Münchner Niels Dinge­manse und dem Berliner Jens Krause auf den Plätzen 10 und 12. Die Vogel-Spezialisten hingegen profitieren hierzulande natürlich insbesondere von der „Leuchtturm“-Wirkung des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen. Entsprechend führen auch dessen meistzitierte Mitarbeiter Bart Kempenaers und Wolfgang Forstmeier auf den Plätzen 9 und 14 die Riege der Vogelforscher an.

Damit ist allerdings noch lange nicht Schluss – auch, was die vorderen Positio­nen angeht. Platz 5 der meistzitierten Köpfe belegt mit Bill Hansson vom Jenaer MPI für chemische Ökologie beispielsweise einer von insgesamt Insektenforscher. Gerade sein Thema hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der aktivsten Felder der ökologischen Verhaltensbiologie entwickelt: Wie chemische Signalstoffe von Pflanzen und Tieren das Verhalten von Insekten beeinflussen. Weitere Insektenforscher unter den Top 50 sind etwa Robin Moritz (26.), Jürgen Heinze (27.) sowie Randolf Menzel (36.) und Giovanni Galizia (37.).

In den Medien – na und?

Auf Platz 6 landete die leider 2011 verstorbene Fledermausorientierungs-Expertin Elisabeth Kalko. Direkt dahinter reihte sich mit dem Wiener Rupert Palme ein Experte für Stressverhalten bei Nutz- und Säugetieren ein.

Zuletzt noch ein paar Worte zu einem, der es nicht unter die Top 50 geschafft hat: Hynek Burda von der Universität Duisburg/Essen. Mit seinen Studien zur Orientierung diversen Tierverhaltens nach dem Erdmagnetfeld war er zuletzt so medienpräsent wie kein anderer aus dem Dunstkreis der Verhaltensbiologie – vor allem, nachdem er im letzten Jahr für die Erkenntnis, dass Hunde sich offenbar vorwiegend in Nord-Süd-Ausrichtung erleichtern, gar den IgNobel-Preis bekam. Doch mediale Aufmerksamkeit hin oder her – zum Zitieren finden die Kollegen bei ihm offenbar nicht gar so viel.


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Letzte Änderungen: 12.03.2015


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