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Vom Stein zur Prostata

Publikationsanalyse 2009-2013: Urologische Forschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 10/2015




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In der hiesigen urologischen Forschung hat man ohne Schwerpunkt auf den entsprechenden Tumoren offenbar keine Chance auf vergleichsweise viele Zitierungen.


Die Urologie gilt als relativ junges medizinisches Fachgebiet. Dies mag verwundern, da ihre Wurzeln eigentlich weiter zurück reichen als bei vielen „älteren“ Disziplinen. So kannten etwa bereits die alten Ägypter seit zirka 1.000 vor Christus den Blasenkatheder wie auch die Operation von Blasensteinen. Im antiken Griechenland beschrieb dann Hippokrates verschiedene Störungen des Wasserlassens und äußerte sich weiterhin ausführlich zur Bildung von Blasensteinen. Interessanterweise heißt es jedoch von da ab explizit im berühmten Hippokratischen Eid: „Auf keinen Fall werde ich Blasensteinkranke operieren, sondern ich werde hier den Handwerkschirurgen Platz machen, die darin erfahren sind.“

Die Chirurgie wurde seitdem erstmal generell eher als „Handwerk“ gesehen – und so etablierte sich im frühen Mittelalter dann auch der „Steinschneider“ als niederer Heilberuf. Gerade in den sogenannten dunklen Tagen dieser Epoche wurden die Menschen viel häufiger von Blasensteinen gequält als heutzutage. Zudem verursachten die Harnsteine damals aus naheliegenden Gründen oftmals starke Schmerzen und führten zu schlimmen Infektionen. Und die „Steinschneider“ machten das Ganze häufig nicht besser: Aufgrund ihrer unzureichenden und schmerzhaften Operationstechniken wurde über die Hälfte der Patienten inkontinent oder entwickelte eine Fistel – oder starb.

Schneiden nicht erlaubt

So blieb das Mittelalter auch für die weitere Entwicklung der Urologie eine durchweg dunkle Zeit. Erst ab dem 16. Jahrhundert ging es nennenswert weiter mit dem Erkenntnisgewinn in der Anatomie des Urogenitaltrakts, wie auch dessen Pathologie inklusive Diagnostik und Therpie. Ab dem 17. Jahrhundert übernahmen endlich auch die inzwischen deutlich höher gestellten Chirurgen urologische Operationen von den Steinschneidern. Und 1890 war es dann soweit: Felix Guyon trat in Paris den ersten Lehrstuhl für Urologie an.

In Deutschland wurde Maximilian Nitze 1900 erster Professor für Urologie an der Charité. Allerdings dauerte es noch bis 1970, bis die universitäre Eigenständigkeit der Urologie endgültig festgeschrieben wurde.

Eigenständige Disziplin erst 1970

Die Disziplin war damit etabliert. Als solche untersucht die Urologie heute die Harnwege beider Geschlechter inklusive der männlichen Fortpflanzungsorgane. Was auf der einen Seite einen relativ gut definierten Bereich des menschlichen Körpers umfasst, auf der anderen Seite aber die ein oder andere Überschneidung mit anderen biomedizinischen Disziplinen dennoch nicht verhindert.

Nehmen wir zum Beispiel folgende Aussage einer Fachgesellschaft: „Urologen beschäftigen sich mit Störungen des Harnabflusses aus der Niere, wie Verstopfungen des Harnleiters oder Steinen, aber auch mit dessen gutartigen oder bösartigen Tumoren und angeborenen Erkrankungen“. Die Nieren selbst in ihrer Funktion als „Stickstoff-Müllschlucker“ sowie die Nebennieren gehören stattdessen zur Inneren Medizin und Nephrologie beziehungsweise Endokrinologie. Ebenso sind zwar Inkontinenz bei Frauen und männliche Unfruchtbarkeit Teil der Urologie; zugleich aber beschäftigen sich auch Gynäkologen und Reproduktionsmediziner mit dieser Art von Problemen. Und dann ist da natürlich noch das weite Feld der Tumoren des Urogenitaltrakts – der Blase, der Prostata, der Hoden,... –, die natürlich zugleich als Studienobjekte für eine große Zahl von Onkologen und Pathologen dienen.

Pathologen spielen mit

Was hat das alles für unsere Publikationsanalyse „Urologische Forschung“ zu bedeuten? Und vor allem, welche Autoren können tatsächlich noch als „Urologische Forscher“ gelten – und welche nicht mehr (siehe Tabelle, S. 49)? Wie üblich war für jeden Einzelfall das entscheidende Kriterium, dass die entsprechende Person einen wesentlichen Teil der Artikel, die nicht in multidisziplinären Blättern erschienen, speziell in urologischen Fachzeitschriften veröffentlicht haben musste. Dies galt insbesondere für die vielen Pathologen, die innerhalb einer ganzen Reihe verschiedener Tumoren hin und wieder auch Prostata- und Blasenkrebs studieren. Letztlich nahmen wir nur diejenigen von ihnen in die vorliegende Wertung auf, die im maßgeblichen Veröffentlichungszeitraum 2009-13 für diesen Vergleich auch tatsächlich nennenswert „urologisch“ publizierten.

Zwei dieser „Teilzeit-urologischen“ Pathologen avancierten auf diese Weise auch gleich zu den meistzitierten „Urologieforschern“: Arndt Hartmann aus Erlangen/Nürnberg, gefolgt von dem Hamburger Guido Sauter. Beide veröffentlichten 2009 bis 2013 einen guten Teil ihrer pathologischen Arbeiten über Tumoren des Urogenitaltrakts. Dennoch sammelten beide auch einen erheblichen Teil ihrer Zitierungen mit „fachfremden“ Artikeln über andere Tumoren – was deren Spitzenplätze im Vergleich zu den „reinen“ Urologieforschern natürlich etwas relativiert. Dasselbe gilt für die übrigen vier Pathologen unter den 50 meistzitierten Urologieforschern – etwa den Bonner Glen Kristiansen (4.) oder Cord Langner aus Graz (23.).

Ein wenig spiegelt dieses gute Abschneiden der Pathologen auch die enorme Dominanz der „Tumorthemen“ in der aktuellen urologischen Forschung wider. Noch deutlicher – und spezifischer – wird diese indes beim Blick auf die zehn meistzitierten Veröffentlichungen der Jahre 2009 bis 2013:

  • Allein acht berichten über Prostatakrebs; darunter auch der mit Abstand am häufigsten zitierte Artikel – eine klinische Chemotherapie-Studie, die mit dem Berliner Kurt Miller (43.) allerdings gerade mal einen einzigen Ko-Autor aus Deutschland aufweist.
  • Das am zweithäufigsten zitierte Paper beschreibt ebenfalls eine klinische Phase III-Studie, diesmal allerdings zum Nierenzellkarzinom. Ein Gebiet, das definitionsgemäß in die nephrologische Onkologie gehört, in dem aber durchaus auch mal der ein oder andere Urologe „wildern“ geht – in diesem Fall der Münchner Michael Staehler (12.).
  • Und auf Platz 9 landete schließlich ein Artikel zur radikalen operativen Entfernung von Niere und Harnleiter bei Tumorerkrankungen im Mischgewebe des oberen Harntrakts. Auch bei dieser Studie ist wiederum nur ein Autor aus dem deutschen Sprachraum mit von der Partie – der Grazer Richard Zigeuner (7.).
Keiner ohne Tumorforschung

Damit wird eindrucksvoll klar: Was in fernen Zeiten einmal die Blasensteine waren – nämlich dominierender Hauptgegenstand urologischer Betrachtungen und Therapien – ist heute vor allem der Prostata­krebs. Entsprechend hatten Forscher mit einem ausgeprägten Schwerpunkt auf dem Prostatakarzinom bessere Chancen auf einen vorderen Platz im Zitations-Ranking. Dies letztlich wohl auch, weil hier einfach die reine Masse an Kollegen, die einen potentiell zitieren können, im Vergleich zu anderen urologischen Themen am höchsten ist. Neben den erwähnten Pathologen stehen für diese Gruppe etwa die ausgewiesenen Urologen Markus Graefen aus Hamburg (3.), wie auch der Münchner Klinikleiter Christian Stief (5.) oder der Neu-Düsseldorfer Patrick Bastian (8.). Und auch der Aachener Radiologe und Strahlentherapeut Thomas Wiegel verdankt seinen zehnten Platz insbesondere seinem Prostatakrebs-Schwerpunkt.

Hotspot Hamburg

Wie schon bei den meistzitierten Artikeln gelang es allenfalls, mit anderen Tumoren des Urogenitaltrakts in die Phalanx der Prostatatumor-Spezialisten einzudringen – personifiziert etwa durch den Harnblasenkarzinom-Experten Arnulf Stenzl (6.) aus Tübingen, oder den bereits erwähnten Richard Zigeuner (7.), der sich auf Tumoren des oberen Harntrakts fokussiert.

Wer dagegen urologische Forschung ohne jeden Bezug zu Tumorerkrankungen betreibt, hatte gar keine Chance unter die fünfzig meistzitierten Köpfe zu kommen. Alle hier Gelisteten publizierten mit klarem Schwerpunkt auf urologischen Tumoren.

Werfen wir noch einen Blick auf die geographische Verteilung dieser Top 50. Sechs Forscher arbeiteten im Bewertungszeitraum in Österreich, angeführt vom Grazer Richard Zigeuner auf Platz 7. Lediglich drei kamen aus der deutschsprachigen Schweiz, Hans-Peter Schmid aus St. Gallen landete als deren Bester auf Platz 30. Der Rest arbeitet in Deutschland.

Weiter auf Städte heruntergebrochen arbeiteten innerhalb des Bewertungszeitraums ganze Zwölf am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf, die meisten davon an der dort als Prostatakrebszentrum ansässigen privaten Martini-Klinik. Erst mit weitem Abstand folgen München und Berlin mit jeweils vier Forschern, sowie Wien und Bonn mit jeweils drei.

Und ganz zum Schluss, wie mittlerweile gewohnt, die Frauenquote: Drei Forscherinnen schafften es in die Top 50; deren bestplatzierte, Derya Tilki von der erwähnten Hamburger Martini-Klinik, kam auf Platz 35. Selbst für eine klinische Disziplin eine vergleichsweise eher schwache Quote.


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Letzte Änderungen: 30.09.2015


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