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Auf Expansionskurs

Publikationsanalyse 2010-2014: Anästhesie- und Schmerzforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 05/2016




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Illustr.: Tina Mailhot-Roberge

Am Anfang ging es nur darum, bei Operationen den Schmerz auszuschalten. Heute streuen Anästhesie- und Schmerzforschung weit über dieses „Kerngeschäft“ hinaus.

„Seit 115 Jahren wird der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie vergeben. Die Anästhesiologie ging immer leer aus, obwohl die rasante Entwicklung der Medizin in den vergangenen 150 Jahren ohne Narkose und Lokalanästhesie und die Schmerzfreiheit von Operationen nicht möglich gewesen wäre.“ So begann Ende März eine Pressemitteilung der Universität Düsseldorf über die Ergebnisse einer Studie, die federführend am dortigen Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin entstanden war.

Immerhin, so hatten die Autoren der Studie im Stockholmer Nobelpreis-Archiv recherchiert, waren von 1904 bis 1937 insgesamt vier Pioniere der Anästhesie für den Nobelpreis vorgeschlagen. „Heißester“ Kandidat war demnach der Berliner Chirurg Carl Ludwig Schleich (1859-1922), der insgesamt viermal vom Nobelkomitee begutachtet wurde, am Ende aber leer ausging. Als Pionier der örtlichen Betäubung hatte Schleich maßgeblich die sogenannte Infiltrationsanästhesie entwickelt, bei der das Lokalanästhetikum im Operationsgebiet flächig ins Gewebe injiziert wird und dort sensible Nervenenden und terminale Nervenbahnen blockiert.

Allerdings schieden sich damals schon die Geister, wem die wissenschaftliche Krone für die Entwicklung der Lokalanästhesie tatsächlich gebührte. So wurde etwa der Wiener Augenarzt Carl Koller (1857-1944), der 1884 auf einem Augenheilkunde-Kongress mit Kokain das erste Lokalanästhetikum überhaupt präsentierte, ebenfalls viermal für den Nobelpreis vorgeschlagen. Zudem waren noch der Berliner Chirurg August Bier (1861-1949), der als Entwickler der Spinalanästhesie gilt, wie auch dessen Leipziger Kollege Heinrich Braun (1862-1934), der Schleichs Methode nach Ansicht der Experten erst zur Anwendungsreife gebracht hatte, jeweils einmal im Kreis der Nobel-Kandidaten.

Nobelpreis-freies Fach

Mehr aber auch nicht. Und so schließt der Text über die Düsseldorfer Studie mit dem Fazit: „Uneinigkeit, Verjährung und die starke Konkurrenz in anderen Fächern verhinderten, dass zumindest einer der Pio­niere der Anästhesiologie jemals in den heiligen Gral der Medizin aufgenommen wurde.“

Eines wird aus diesem kurzen historischen Ausflug unmittelbar klar: Die Anästhesiologie, und damit die medizinische Schmerzforschung, hatte zunächst rein operational das Ausschalten der Schmerzwahrnehmung zum Inhalt – schließlich heißt „Anästhesie“ ja auch wörtlich „Kein Empfinden“. Erst mit der Zeit erweiterte sich das Spektrum der Anästhesiologie über die reine Schmerzsteuerung hinaus um weitere Aufgaben bei der Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen rund um chirurgische Eingriffe – unter anderem also Management der Atmung, des Kreislaufs oder der Blutversorgung. Nicht zuletzt deshalb wird das Fach heutzutage meist breiter unter „Anästhesiologie und Intensivmedizin“ zusammengefasst.

Gleichzeitig emanzipierte sich die Schmerzforschung von der reinen anästhesiologischen „Schmerzausschaltung“ für operative Eingriffe – und begann grundsätzlicher nach den Mechanismen von Schmerz und Schmerzwahrnehmung zu fragen. Die Folge war, dass Schmerzforschung immer interdisziplinärer wurde: Heute untersuchen etwa Neuroforscher Kopfschmerzen sowie neuropathischen und chronischen Schmerz; Rheumatologen haben den Faser-Muskel-Schmerz, also Fibromyalgie beziehungsweise Weichteilrheumatismus, im Fokus; und so mancher Biologe studiert die molekularen und zellulären Grundlagen des Schmerzsignals.

Die Konsequenzen dieses doppelten „Expansionskurses“ für unsere Publikationsanalyse „Anästhesie- und Schmerzforschung“ liegen auf der Hand: Man bekommt einen kleinen „Gemischtwarenladen“, in dem etwa der Kopfschmerz-Neurologe direkt neben dem Molekularen Schmerzrezeptor-Experten sowie einem auf Blutmanagement spezialisierten Intensivmediziner rangiert. Dessen sollte man sich beim Vergleich der puren Publikationszahlen bewusst sein.

Schon die Liste der zehn meistzitierten Originalarbeiten der Jahre 2010 bis 2014 spiegelt diese Heterogenität deutlich wider. Bis heute am häufigsten zitiert wurde demnach eine Arbeit über neurale Netzwerke bei der Wahrnehmung und Verarbeitung selbst erfahrenen Schmerzes wie auch beim reinen „Mit-Erleiden“ von Schmerzen anderer – durchgeführt im „Labor zur Erforschung sozialer und neuronaler Systeme“ der Universität Zürich. Dahinter folgen eine große Studie zum neuropathischen Schmerzsyndrom (Platz 2.), drei Artikel zum Blut- und Volumenmanagement bei chirurgischen Eingriffen (Plätze 3, 8 und 10), weitere drei Artikel aus der Neurologischen Universitätsklinik Essen über Migräne (Plätze 4, 5 und 7), sowie je eine rein intensivmedizinische Kohortenstudie zur postoperativen Sterblichkeit (Platz 6) und eine Arbeit im Journal of Rheumatology zur Fibromyalgie (Platz 9).

Artikelprobleme

Die beiden meistzitierten Nicht-Originalarbeiten haben dagegen wieder ein anderes Thema: die Blutvergiftung, oder Sepsis. Diese ist eine der Haupttodesursachen in nicht-kardiologischen Intensivstationen und daher als Forschungsthema inzwischen mit in die erweiterte Domäne der „Anästhesiologie und Intensivmedizin“ gerutscht. Noch ein Beleg dafür, wie weit die Disziplin mittlerweile aus ihrem einstigen „Kerngeschäft“ Schmerzmanagement hinausstreut.

In diesen beiden Artikeln formulieren internationale Experten Richtlinien zum klinischen Management von Fällen schwerer Sepsis und septischen Schocks. Zwei dieser Experten sind der Jenaer Konrad Reinhart und der Berliner Herwig Gerlach – womit wir bei einem weiteren grundsätzlichen Problem dieser Publikationsanalyse angekommen sind. Wie schon öfter beschrieben, zählen für die Platzierungen in der Liste der meistzitierten Autoren nur deren Originalarbeiten – Reviews und ähnliche Artikel fallen dagegen raus. Obwohl nun solche „Guideline“-Artikel sicher keine Original-Forschungsartikel darstellen, sortiert die Datenbank „Web of Science“, die uns die Daten für die Publikationsanalyse liefert, diese dennoch ebenfalls unter der Kategorie „Articles“ ein. Die Folge ist, dass auf diese Weise den jeweiligen Autoren die (hohen) Zitierzahlen dieser Guideline-Artikel in unserer Liste der meistzitierten Köpfe mit zugerechnet werden. Im vorliegenden Fall heißt das, dass die erwähnten Herren Reinhart und Gerlach ihre Plätze 2 und 3 bei den meistzitierten Autoren fast ausschließlich ihrer Beteiligung an diesen beiden und noch weiteren Guideline-Artikeln verdanken – und weniger ihren „echten“ Forschungsartikeln. Auch die Würzburgerin Claudia Sommer (6.) sammelte etwa analog die Mehrheit ihrer Zitate durch die Beteiligung an Richtlinien-Artikeln zu neuropathischen Schmerzsyndromen. Dies sollte man bei der Einordnung der reinen Zitierzahlen mitberücksichtigen.

Im Fall von Hans-Christoph Diener, der als Direktor der Neurologischen Universitätsklinik die Liste der meistzitierten Forscher klar anführt, muss man ebenfalls ein paar Abstriche machen. Zwar sammelte er tatsächlich viele Zitierungen als Koautor auf Kopfschmerz- und Migräne-Artikeln, daneben aber gleichfalls mit Arbeiten zu anderen neurologischen Themen wie etwa Schlaganfall. Ein „Diversitätsproblem“, das man mit Klinikdirektoren in diesem Zusammenhang fast immer hat – gleich welcher Disziplin.

Die restlichen Einzelplatzierungen der fünfzig meistzitierten Forscher sind der Tabelle auf Seite 43 zu entnehmen. 27 davon arbeiten in der Anästhesiologie und Intensivmedizin. 15 kommen aus der neurologisch-psychiatrischen Ecke, wovon 6 unter den ersten Zehn landeten. Drei weitere Kollegen sind in pharmakologischen Instituten ansässig und nochmals zwei in der Palliativmedizin.

Bleibt ganz zum Schluss – wie immer – der „Forscherinnen-Index“. Acht Frauen schafften es unter die Top 50, vier davon unter die ersten Zwölf. Nicht schlecht!


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Letzte Änderungen: 28.04.2016


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