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Luftakrobaten

Publikationsanalyse 2010-2014: Lungen- und Atemwegsforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 10/2016




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In der Lungen- und Atemwegsforschung trifft sich ein buntes Sammelsurium von Forschern. Mit ein Grund dafür ist, dass sie eine Vielzahl „starker“ Themen bietet.


Illustr.: Fotolia / bigmouse108

Es ist beileibe keine große Erkenntnis, dass die deutsche Medizin sich traditionell stark in Organsysteme einteilt – stärker vielleicht als anderswo. Die Lungen- und Atemwegsforschung ist hier keine Ausnahme. Allerdings lassen sich die Funktionen und Fehlfunktionen eines Organsystems inzwischen auf einer ganzen Reihe verschiedener Ebenen untersuchen – und dies daher logischerweise mit einer Batterie unterschiedlicher Methoden.

Für das sogenannte respiratorische Organsystem gilt dies womöglich gar noch stärker als für andere Organ-basierte Disziplinen. Da sind zum einen diejenigen Forscher, die den Atmungsorganen biochemisch, molekular- und zellbiologisch, oder aber auch klassisch physiologisch neue Erkenntnisse entlocken wollen. Und dann sind da natürlich die Atmungsmediziner – Pneumologen oder Pulmologen in der Regel –, die sich vorrangig der Diagnostik und Therapie von Lungenfehlfunktionen und den entsprechenden Erkrankungen widmen. Wobei sie beim Thema Lungentumoren natürlich noch kräftige Hilfe von Onkologen und Pathologen bekommen.

Bis hierher unterscheidet sich die Diversifizierung der Lungen- und Atemwegsforschung kaum von der Situation in anderen „Organ-Fächern“. Allerdings wird es hier durchaus noch „bunter“...

Störanfälliges Organsystem

Mit jedem einzelnen Atemzug erneuert unser respiratorisches System den direkten Kontakt mit unserer Umwelt – und lässt sie dabei jedes Mal tief in unseren Organismus ein. Das klingt auf den ersten Blick banal – hat aber zur Konsequenz, dass es so anfällig für Störungen „von außen“ ist wie wohl kein anderes unserer Organsysteme.

Infektionen der Atemwege sind daher traditionell ein großes Thema, mit dem sich entsprechend eine Vielzahl von Infektiologen, Mikrobiologen und auch Immunologen beschäftigt. Man denke beispielsweise nur an Tuberkulose oder Lungenentzündung. Und dann kommt auch noch der eine oder andere Virologe dazu – etwa, wenn es um Corona-Viren und das Schwere Akute Respiratorische Syndrom (SARS) geht.

Aber auch Schmutzpartikel und Allergene, die sich in der Atemluft tummeln, werden auf diese Weise zum großen biomedizinischen „Lungen-Thema“. Das Stichwort schlechthin in diesem Zusammenhang: Asthma. Klar, dass hier insbesondere Immunologen und Allergologen ein reichhaltiges Betätigungsfeld finden. Aber nicht nur. Auch für Arbeits-, Umwelt- oder Sozialmediziner sind Asthma und andere Luftverschmutzungs-ausgelöste Atemwegs-Erkrankungen ein großes Thema – und viel mehr noch natürlich für Epidemiologen und Public Health-Spezialisten. Und da Kinder ganz besonders empfindlich für Asthma und Co. sind, widmen sich überdies noch eine ganze Reihe Kinder- und Jugendmediziner diesem Themenkomplex.

Nach all dem Gesagten ergibt sich für unseren Publikationsvergleich der Jahre 2010-2014 ziemlich automatisch die folgende Frage: Welche Spezies aus der offensichtlich sehr diversen Gattung der Lungen- und Atemwegsforscher sammelten hierzulande zuletzt mit ihren Arbeiten besonders viele Zitierungen – und welche eher weniger?

Die beiden mit Abstand meistzitierten Artikel aus der Publikationsperiode 2010 bis 2014 geben hier allerdings nicht wirklich einen Hinweis. Auf Platz 1 rangiert ein sogenanntes Guideline-Paper zur Dia­gnose und Therapie der idiopathischen Lungenfibrose, direkt dahinter platzierte sich eine Art Strategiepapier zum klinischen Umgang mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) wie Bronchitis oder Lungenemphysem. Ein weiteres solches „Positionspapier“ zum Thema Nasenschleimhaut-Entzündungen – demnach also aus dem Grenzgebiet zur Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde – platzierte sich zudem auf Rang 8.

Forschungspaper, oder eher nicht?

Diese drei Artikel beschreiben demnach „lediglich“ die Ergebnisse aus Recherchen, Beratungen und Diskussion, die jeweils eine ganze Reihe ausgewählter Spezialisten zu diesen klinischen Themen zusammentrugen. Original-Forschungsartikel sind sie im strengen Sinne daher sicher lich nicht – auch wenn die hier verwendete Publikationsdatenbank „Web of Science“ sie in ihre Kategorie „Article“ einteilt, und nicht etwa als „Review“ markiert. Darüber darf man durchaus geteilter Meinung sein.

Wie auch immer – die beiden Top-„Artikel“ behandeln demnach klar klinische Themen der Lungenforschung, um die sich in aller Regel die Pneumologen in der Inneren Medizin kümmern. Ebenfalls dort angesiedelt sind die vier klinischen Wirkstoff-Studien auf den Plätzen 4, 6, 7 und 10 – während die drei Arbeiten zu den genomischen Hintergründen von Lungentumoren (Plätze 3 und 9) und Asthma (Platz 5) eher in die Expertise von Genetikern, Bioinformatikern und Statistikern fallen.

Lungenkrebs ist auch insgesamt das „stärkste“ Thema unter den zehn meistzitierten Publikationen – wie so oft bei „Organ-­Disziplinen“. Konkret haben fünf der Top 10-Artikel Lungentumoren im Fokus. Zu den weiteren Themen, die mit den entsprechenden Artikeln oben bereits erwähnt wurden, kommt lediglich noch der Artikel über Cystische Fibrose auf dem zehnten Platz dazu.

Schauen wir uns zum Vergleich die Themen-Schwerpunkte der meistzitierten Köpfe an. Unter den Top 10 sind wiederum drei Lungenkrebs-Spezialisten: die beiden „Genomischen Onkologen“ Roman Thomas (3.) und Martin Pfeifer (8.) aus Köln, sowie der klinische Pneumologe Martin Reck von der LungenClinic Großhansdorf. Das Thema „Allergisches Asthma“ ist hier ebenfalls dreimal vertreten: durch den Münchner Epidemiologen Joachim Heinrich auf dem ersten Platz, die Kinderärztin Erika von Mutius, ebenfalls aus München, auf Platz 5 – und den Allergologen Cezmi Akdis vom Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung in Davos auf Platz 9. Auf den Plätzen 2 und 7 wiederum landeten mit Ulrich Costabel (Essen) und Jürgen Behr (Köln) zwei klinische Pneumologen mit Schwerpunkt „Idiopathische Lungenfibrose“.

Auf den beiden noch fehlenden Plätzen landeten ebenfalls Kliniker. Platz 6 belegt der Hannoveraner Chirurg Axel Haverich, der mit seinem Team die Transplantation und Xenotransplantation von Herz und Lunge voranzutreiben versucht. Und auf Platz 10 landete schließlich der Gießener Ardeschir Ghofrani, der Ende letzten Jahres für die Entwicklung eines Medikaments gegen Lungenhochdruck zusammen mit Partnern aus der Bayer AG den Zukunftspreis des Bundespräsidenten erhielt.

Allein damit deutet es sich schon an, wie viele „heiße“ Themen in der Lungen- und Atemwegsforschung im Vergleich mit anderen Disziplinen tatsächlich stecken. Zumal es unterhalb von Platz 10 genauso „bunt“ weitergeht. Da finden sich etwa noch drei Tuberkulose-Experten, angeführt von der Borsteler Epidemiologin und Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland Sabine Rüsch-Gerdes auf Platz 27; ebenso wie Spezialisten für weitere Infektionskrankheiten der Lunge, repräsentiert beispielsweise durch den Hannoveraner Pneumologen Tobias Welte auf Platz 12; oder etwa auch der Heidelberger Lungen-Radiologe Hans Ulrich Kauczor auf Platz 31.

Wo sind die „Experimentellen“?

Bei all dieser Vielfalt fällt dennoch eines auf: die praktische Abwesenheit rein experimentell tätiger Grundlagenforscher neben all den Klinikern, Ärzten, Epidemiologen und Genomikern. Der Meistzitierte, der noch am ehesten in diese Kategorie passt, ist der Münchner Oliver Eickelberg – mit immer noch starken 1010 Zitierungen landete er auf Platz 61. Dies ist bei den meisten anderen Organsystemen anders. Erklärungsmöglichkeiten? Entweder es gibt tatsächlich nur wenig – oder wenig gute – experimentelle Lungen- und Atemwegsforschung im deutschen Sprachraum. Oder es gibt sie, und sie ist auch gut – aber sie wird gerade im Vergleich etwas weniger stark zitiert.

Bekanntlich kann es hierfür jede Menge Gründe geben, die nichts mit der Qualität der Studien zu tun haben. Nur um das an dieser Stelle wieder mal klar zu sagen.



Nachtrag: Beim Erstellen der Publikationsanalyse „Lungen- & Atemwegsforschung“ (LJ 10/2016: 40-43) hatten wir Heinz-Erich Wichmann wegen der epi(demiologi)schen Themenbreite seiner Veröffentlichungen zunächst nicht als klaren „Lungen- und Atemwegs“-Spezialisten eingestuft. Er selbst sieht sich jedoch durchaus so. Mit 20.509 Zitierungen seiner 268 Artikel aus den Jahren 2010 bis 2014 belegt der Epidemiologe vom Helmholtz-Zentrum München daher mit weitem Abstand Platz 1.


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Letzte Änderungen: 12.10.2016


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