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Tierische Forschungzum Wohle des Menschen

Publikationsanalyse 2011-2015: Tiermedizin
von Mario Rembold, Laborjournal 03/2017


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Vor allem in Greifswald ist die tiermedizinische Forschung des deutschsprachigen Raums zuhause. Thematisch geht es meist um Krankheitserreger.


Illustr.: Fotolia / rolffimages

Nicht nur Fiffi, Minka und Hoppel brauchen Tierärzte, sondern auch wir Zwei­beiner sind gelegentlich auf deren Expertise angewiesen. Wenn wieder mal eine Schweine- oder Geflügelpest ihr Unwesen treibt und Sperrzonen um Bauernhöfe errichtet werden, dann geht es nämlich um handfeste wirtschaftliche Interessen. Schlimmstenfalls entscheidet die Diagnose des Veterinärs dann leider auch über das Schicksal eines Familienbetriebs.

Springt eine Vogel-Influenza gar auf den Menschen über, sind nicht mehr nur die Bauern gefährdet, sondern die gesamte Bevölkerung. Und weil zahlreiche humanpathogene Viren ihr natürliches Reservoir in Tierpopulationen haben, forschen Virologen immer wieder gemeinsam mit Tiermedizinern – obwohl es eigentlich um die menschliche Gesundheit geht. Bakterielle Plagegeister wie Salmonellen seien an dieser Stelle ebenfalls erwähnt, genauso wie bekanntermaßen auch eukaryotische Erreger wie Bandwürmer, Toxoplasma und andere Parasiten vom Tier in den Menschen gelangen können.

Derartige Zoonosen und Pandemien sind natürlich bei weitem nicht die einzigen Themen der tiermedizinischen Forschung. Gerade für die Landwirtschaft sind beispielsweise Zuchtmethoden wie künstliche Besamung oder in vitro-Befruchtung mindestens genauso interessant. Womit jetzt schon klar werden dürfte: Wenn wir die Publikationsleistung forschender Tiermediziner unter die Lupe nehmen, stoßen wir auf ein breites Betätigungsfeld: Virologen, Molekularbiologen, Parasitologen und Mikrobiologen können allesamt an veterinärmedizinischen Instituten ein Zuhause finden. Weshalb die Abgrenzung zu anderen Disziplinen bei dieser Publika­tionsanalyse eine besondere Herausforderung darstellt.

Veterinär oder Virologe?

Greifen wir hierzu gleich mal einen Namen aus der Liste der meistzitierten Köpfe (siehe Seite 37) heraus: Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien auf Platz 15. Nowotny hat Varianten des West-Nil-Virus genetisch charakterisiert, die Verbreitung von Usutu-Viren in Vogelpopulationen untersucht und geht in seinem meistzitierten Artikel des Analysezeitraums 2011-2015 auf die Suche nach tierischen Reservoirs von Coronaviren (Platz 3 in der Topartikel-Liste, siehe Seite 36).

Auch Christian Drosten vom Institut für Virologie der Uni Bonn erforscht Coronaviren; er gehört zu den Entdeckern des SARS-Virus und hat außerdem Hepatitis-Viren in Fledermauspopulationen beschrieben. Dennoch ist Drosten nicht in der aktuellen Publikationsanalyse berücksichtigt, sondern hat seinen Platz stattdessen in unserem Virologen-Ranking.

Wer aber ist nun Virologe und wer Tiermediziner? Für die Auswahl der unserer Meinung nach passenden Schublade haben wir vor allem geschaut, ob ein Autor regelmäßig in veterinärmedizinischen Journals publiziert hat oder an einem veterinärmedizinischen Institut arbeitet. Beides ist bei Nowotny der Fall, nicht aber bei Drosten. Aus denselben Gründen bleibt hier manch ein Reproduktionsforscher unberücksichtigt, selbst wenn er Tierarzt ist.

Tiermedizin am Türschild

Andererseits treffen wir hier auch auf Bernd Schierwater (39.), der auf den ersten Blick nicht viel mit Tiermedizin am Hut hat. Er interessiert sich für marine Diversität und die Evolution der Metazoen. Eines seiner Lieblingsorganismen ist der primitive Vielzeller Trichoplax, den man wohl kaum im Wartezimmer einer Tierarztpraxis findet. Schierwater forscht aber an der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover und arbeitet unter Tiermedizinern.

Weiterhin arbeitet eine ganze Reihe molekularbiologisch oder biochemisch orientierter Wissenschaftler an veterinärmedizinisch ausgerichteten Fakultäten und Instituten. Zum Beispiel der Glykoproteinexperte Hans-Joachim Gabius (3.) von der LMU München. Ebenfalls an der LMU: Eckhard Wolf (5.), der Mechanismen der Wachstumsregulation untersucht und außerdem an Reproduktionstechniken arbeitet. Seine Arbeitsgruppe hatte Ende der 90er-Jahre Rinder geklont. Sogar Drosophila krabbelt manchmal in tierärztlichen Fakultäten umher, so etwa im Labor von Christian Schlötterer (12.) in Wien. Er ist Populationsgenetiker.

Lebensmittelforscher draußen

Obwohl demnach das Klingelschild des Instituts in diesem Vergleich durchaus ein wichtiges Kriterium war, zu welcher Community ein Forscher gehört, haben wir dort eine Grenze gezogen, wo es um weiterprozessierte Lebensmittel geht. Wer in einem Veterinäramt nach Listerien im Brotaufstrich sucht oder – wie Dirk Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe – an Alkoholismus forscht und die Inhaltsstoffe von Getränken spektrometrisch unter die Lupe nimmt, der war uns dann doch zu weit weg vom lebenden Tier. Lachenmeier taucht dafür in unserem Toxikologen-Ranking auf. Für andere Grenzfälle dieser Art pflegen wir außerdem die Publikationsanalyse zur Ernährungsforschung.

Die aktuelle Publikationsanalyse ist also ziemlich ungeeignet, um die Leistungen der hier gelisteten Forscher im Sinne einer qualitativen Wertung zu verstehen; denn wie will man etwa Virusforscher und Bandwurmexperten sinnvoll miteinander vergleichen? Vielmehr zeigt die Liste der meistzitierten Köpfe eine Auswahl derer, die sich der Gemeinschaft der Tiermediziner zurechnen – sei es über Institutszugehörigkeit oder die Journals, in denen die Paper erscheinen. Und gleichzeitig sehen wir, wo tiermedizinisches Wissen in der Forschung gefragt ist; dabei stoßen wir eben auf jede Menge Virologie und Parasitologie. Vieles dreht sich in letzter Konsequenz um die Landwirtschaft – so auch bei Martin Beer, der die „Köpfe“-Liste anführt. Sein Spezialgebiet sind Viruserkrankungen bei Nutztieren, wie das sogenannte Schmallenberg-Virus. Dieser Erreger trat 2011 erstmals in Erscheinung und beeinträchtigt die Leistung von Milchkühen.

Potentes Friedrich-Loeffler-Institut

Beer hat unter den von uns analysierten Tiermedizinern nicht nur die meisten Zitate gesammelt, sondern er forscht auch an der Einrichtung, die unser Ranking dominiert: Am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald. Zwölfmal taucht dieser Standort in der Liste auf, dazu kommen noch zwei weitere Köpfe aus dem Standort des FLI-Instituts für Nutztiergenetik in Neustadt-Mariensee nordwestlich von Hannover.

Überhaupt konzentriert sich die tiermedizinische Forschung auf wenige Hotspots: Je sieben Forscher aus den Top-50 sind an der FU Berlin und der Uni Zürich tätig, gefolgt von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der TiHo Hannover mit je sechs Positionen. An der LMU München arbeiten derzeit fünf Wissenschaftler des Rankings. Nur sechs Standorte nehmen also 85 Prozent der Liste ein.

Werfen wir noch einen Blick auf die tiermedizinischen Arbeiten, die im Analysezeitraum veröffentlicht und seither am häufigsten zitiert worden sind. Die thematische Bandbreite der Tiermediziner haben wir bereits angesprochen; nicht jedes Paper, an dem ein Tierarzt mitgeschrieben hat, passt daher in die Liste veterinärwissenschaftlicher Veröffentlichungen. So hat Wolfgang Löscher (21.) einen mehr als 200mal zitierten Review zu anti-epileptischen Medikamenten verfasst. Darin ging es aber klar um neuromedizinische Fragen mit Blick auf den Menschen. Aus diesem Grund steht stattdessen als meistzitierter tiermedizinischer Überblicks-Artikel ein Paper über Antibiotika-resistente Bakterien und deren Verbreitung in Nutztieren an der Spitze der Liste. Daran mitgeschrieben hat Lothar Wieler vom Berliner Robert Koch Institut.

Neue Viren und Schweinemodelle

Krankheitserreger dominieren auch die zehn meistzitierten Originalartikel, angeführt von einer Arbeit über das bereits erwähnte Schmallenberg-Virus. Daran mitgewirkt haben acht unserer meistzitierten Köpfe. Michael Eschbaumer (48.), Angele Breithaupt (40.), Horst Schirrmeier (36.) und Kerstin Wernicke (32.) – alle vier aus Greifswald – haben sich durch dieses Paper mehr als die Hälfte ihrer jeweiligen Zitierungen erarbeitet (bezogen auf deren andere im Analysezeitraum veröffentlichten Erstpublikationen). Neue Erreger bei Nutztieren stoßen also auf große Resonanz in der Community.

Weitere Artikel widmen sich Corona­viren, resistenten Staphylokokken oder der Genetik von Bandwürmern. Dass Tiermediziner auch die Grundlagenforschung voranbringen, beweist Rang vier der Artikelliste. Darin stellt ein Autorenteam, dem auch Heiner Niemann (19.) vom FLI Neustadt-Mariensee angehört, eine Methode zur Erzeugung von Knockout-Schweinen vor. Die Verfasser sehen Schweine als geeignete Tiere zur Erforschung menschlicher Krankheiten mittels Xenotransplantations-Modellen, weil sie dem Menschen physiologisch ähnlicher sind als Mäuse und Ratten.

Ein thematischer Ausreißer dagegen ist Platz 8 der meistzitierten Artikel: Dieser widmet sich der Umwandlung zwischen braunem und weißem Fett. Zwar gibt es das braune Fettgewebe auch beim Menschen, vor allem aber kommt es bei Kleinsäugern vor. Endlich mal Tiermedizin, um wirklich die Physiologie im Tier zu verstehen, könnte man meinen. Allerdings hegen die Autoren die Hoffnung, über das Verständnis brauner Fettzellen auch problematisches Übergewicht beim Menschen in den Griff zu bekommen.

Die meistzitierten Arbeiten aus der tiermedizinischen Forschung orientieren sich also doch eher an menschlichen als an tierischen Bedürfnissen.


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Letzte Änderungen: 06.03.2017


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